„Recht“ und „Unrecht“ in der Bronx Bogotás

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Antonio, „Bewohner der Straße“ – „Die Diskriminierung gegen uns wird schlimmer“ ©Stephan Kroener

“Macht keine Fotos und nehmt nicht unnötig eure Handys raus. Ganz nebenbei, sind Journalisten anwesend?“ Niemand der knapp dreißig Teilnehmer meldete sich. „Genauso soll das sein, und alle Journalisten, die jetzt nicht den Arm gehoben haben sollten, das ist genau die richtige Einstellung. Da wo wir jetzt hingehen, mag man nämlich keine Sapos“.

„Sapo“ bedeutet auf Spanisch Kröte, im kolumbianischen Straßenslang wird damit aber ein Spitzel bezeichnet. Wir sollten noch viele weitere ähnliche Ausdrücke lernen auf unserer nächtlichen Tour in einige der gefährlichsten und gefürchtetsten Viertel Bogotás und vielleicht sogar Kolumbiens. Dass wir nachts durch diese Gegenden wanderten, hatte den einfachen Grund, dass es zu jeder Tages- und Nachtzeit gleich gefährlich dort ist, man sich aber das Dunkel zunutze machen kann.

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©Stephan Kroener

Eine Koksline von Block zu Block

Abseits vom Touristen-Moloch, dem herausgeputzten Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt mit dem klingenden Namen La Candelaria, ziehen sich heruntergekommene Häuserzeilen wie eine Koksline von Block zu Block, jeder Straßenzug ist eine eigene verr(a)uchte Welt. Während im Disneyland der Candelaria Touristen auch bei herbstlichen Temperaturen auf über 2600 Metern in Sandalen und Shorts durch die Gegend laufen – man ist ja nicht umsonst in ein Tropenparadies gereist – wandeln zehn Blocks von ihnen entfernt zombieartige Gestalten durch ihre eigene Traumwelt.

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Touristen bei herbstlichen Temperaturen in der Candelaria ©Stephan Kroener

Bogotá, diese urbane Krake mit seinen Straßententakeln erstreckt sich vom glitzernden Norden, mit seinen Gated Communitys und Miami-Flair bis in den Süden, der an manchen Ecken ohne fließend Wasser und asphaltierte Straßen eher an Mogadishu erinnert. Das verkümmerte Zentrum der Stadt – und des Landes – wurde lange vernachlässigt und wird erst seit einigen Jahren wieder aufgewertet. Doch man sollte sich nicht blenden lassen, nicht nur, dass viele bunte Fassaden, sprichwörtlich nur bunt bemalte Fassaden sind, sondern, dass unterhalb des Hauptplatzes, der dem Befreier Bolívars gewidmet ist, sich das befindet, was viele Bewohner der Stadt noch heute mit dem Zentrum verbinden.

Das Gesetz der Straße

Drogen, Kriminalität und Prostitution. Es scheint symbolisch, dass nicht weit vom Präsidentenpalast mit seiner schicken Garde, von Parlament und Justizministerium, sprich der drei Gewalten des Staates, die in demokratischen Rechtstaaten für Gesetz und Ordnung sorgen sollen, weder das eine noch das andere herrscht, oder besser nur das Recht des Stärkeren und das Gesetz der Straße.

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Recht und Unrecht, Macht und Ohnmacht liegen in Bogotá nah beieinander ©Stephan Kroener

Unser Guide heißt John, ein Fotograph und wenn man so will, ein autodidaktischer urbaner Anthropologe. Seit seiner Jugend lebt er im südlichen Zentrum und wird von der abschreckenden Gegenwart seiner Nachbarschaft angezogen. Mit seiner Idee Führungen in diese Slums anzubieten, möchte er versuchen, die Problematik anders zu erklären, als es die Medien und die Politik leider zu lange getan haben. Zwei seiner Begleiter sind „Bewohner“ der Bronx, die nicht zufällig nach dem New Yorker Stadtteil benannt wurde, denn sie teilen die gleichen Probleme und Vorurteile.

Gewollte Zuckungen

„El Mono“ ist ein dürrer Mitte Dreißigjähriger, so „blond“ wie sein Name. Seine Bewegungen sind ruckartig, wie gewollte Zuckungen, er schien angespannt, überspannt. Genauso wie er sich bewegt spricht er auch, wie in die Ecke getrieben, wie unter Druck, er ist dabei aber freundlich, fast schon servil. Trotzdem trauten wir ihm nicht, und er sicherlich auch uns nicht. Er erzählte nebenbei, dass er mit acht Jahren angefangen habe Crack zu rauchen und auch nie mehr davon weggekommen sei. Ob Übertreibung oder nicht, er spricht darüber, als ob er von seinem Lieblingsessen erzählt.

Son Callejero – „Salsa Social“

Der andere Begleiter ist Roberto Echeverría. Er spielte früher mit einigen der bekanntesten Salsabands Kolumbiens wie den Latin Brothers und in Orchestern von Legenden wie Joe Madrid und Joseíto Martínez. Dann sei er aber auf den krummen Pfad der Drogen abgekommen und in der Bronx hängengeblieben. Er hat eine Gitarre umgehängt und spielte uns auch auf dem Weg einige Lieder vor. Die Zeile „aluzinado yo viví, horrible bestía me volví“ wird mich noch lange verfolgen.

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Roberto Echeverría ©Orquesta SON CALLEJERO „SALSA SOCIAL“ – Foto Dairo Cervantes  

Roberto erklärt das Motto Drugs, Sex und Rock ’n‘ Roll auf seine Weise: „Wo es Musik gibt, gibt es Prostitution, Drogen, Alkohol, Schlägereien“. „Ich habe angefangen Drogen zu nehmen, um meine Sinne zu stärken, aber das war ein Fehler, sie produzieren nur eine Sinnestäuschung“. Zusammen mit einigen anderen Ex-Bewohnern und Musikern gründete er die Band SON CALLEJERO „SALSA SOCIAL“. Seit einiger Zeit hat sie sich einen Namen in der Salsa-Szene gemacht, als ein kolumbianischer Buena-Vista-Social-Club auf Entzug und Reha. Dieses Jahr sollen sie auf dem Salsa en Parque Festival spielen.

Später sollte sich noch ein weiterer Begleiter anschließen. Giovanny ein kleiner mit drahtigen Muskeln überspannter Hitzkopf, dem man sonst nicht alleine im Dunkeln begegnen möchte. John hatte uns vorher aufgeklärt, dass das Gesetz der Straße keine Schwäche duldet und unsere Begleiter sich wohl schon das eine oder Mal „verteidigen“ mussten. „Gebt ihnen kein Geld, seid höflich, aber auch nicht zu offen“. Die drei sollten uns noch gute Dienste leisten und mehrmals mit Zureden und kleinen Geschenken aufdringliche Gestalten von uns fernhalten. John bezahlt sie für kolumbianische und vor allem für ihre Verhältnisse sehr gut, so kann die Tour auch als ein soziales Projekt verstanden werden, auch wenn man den Tourismus nicht als Allheilmittel sehen sollte.

Ghetto-Tour

Unsere Tour begann auf dem Hauptboulevard der Stadt, der Carrera Séptima, auf der Kreuzung mit Avenida Jiménez einem zugepflasterten Abwasserkanal (wieder eines dieser Sinnbilder Bogotás, Probleme werden nur übermalt, nicht gelöst). Die Gruppe bestand zur Hälfte aus Kolumbianern, zumeist Studenten, und aus Ausländern, von denen die meisten seit Jahren im Lande leben.

John unser Führer hielt mehrmals auf dem Weg an und erklärte uns die vergängliche Geschichte Bogotás anhand einer eindrucksvollen Architektur, die mit europäischen und amerikanischen Stilen durchsetzt ist. Wir kreuzen die Decima, eine mehrspurige Verbindungsstraße, die bei ihrem Bau einen Teil des Zentrums abschnitt und seinem Schicksal überließ. Der vielbefahrene graue Asphalt bildet seitdem eine Art Grenze zu einer anderen Welt. Roberto meinte dazu vieldeutig: „Rein kommt man leicht, rauskommen ist fast unmöglich“.

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Roberto Echeverría spielt vor Touristen im Parque Tercer Milenio     ©John Bernal 

El Cartucho

Als erstes durchquerten wir den Parque del Tercer Milenio, dieser „Park des Dritten Jahrtausends“, wurde auf den Trümmern des 19. und 20. Jahrhundert gebaut. Man hatte ihn als ein urbanes Megaprojekt geplant, um das üble Drogenquartier und die Kriminalitätshochburg des Viertels Cartucho aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte das Viertel Ende der 90er Jahre als eine der gefährlichsten Ecken Lateinamerikas bezeichnet. Das wollte der damalige Bürgermeister Enrique Peñalosa (1998-2000; 2016-z.Zt.) – der heute erneut die Stadt verunziert – nicht auf sich sitzen lassen und rückte mit schwerem Gerät an.

Mit dem Slogan „Das Bogotá das wir uns wünschen“ wurden die Bewohner anfangs sanft und später mit Gewalt gezwungen ihre Häuser und ihr Viertel zu verlassen. Ohne auf die Menschen oder das historisch gewachsene Viertel und seinen teilweise historischen Gebäudebestand Rücksicht zu nehmen, legte Peñalosa das Viertel in Schutt und Asche. Den „harmonisch“ wellenförmigen Betonpark den er darauf setzen ließ, besucht heute kaum jemand. Er ist eine traurige mit grünen Rasenstücken versetzte graue Wüstenei, ein urbaner historischer Schandfleck einer unsozialen und undurchdachten Stadtpolitik.

Denn die Probleme Bogotás kann man nicht einfach zubetonieren und fertig. Man kann die Menschen nicht einfach entwurzeln und sie ihrem Schicksal überlassen. Die Dealer und Konsumenten, die Prostituierten und die Obdachlosen wurden nur gewaltsam verpflanzt, die Probleme über die ganze Stadt verteilt. So kam es in den angrenzenden Vierteln zum Aufblühen derselben kriminellen Strukturen und Geschäfte die es zuvor im Cartucho gegeben hatte.

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©Stephan Kroener

Die Bronx

Doch sollte Peñalosa aus seiner verfehlten Politik nicht lernen. Kurz nach seiner erneuten Wahl zum Bürgermeister der Metropole (in Kolumbien ist die politische Demenz bei vielen Wählern weit verbreitet) ließ er verkünden, dass er abermals für „Recht und Ordnung“ in Bogotá sorgen wolle. Hierzu ließ er Teile des seit dem Ende des Cartuchos als Drogenmeile bekannten Viertels der Bronx mit einer großangelegten Polizeiaktion „säubern“.

Hunderte wenn nicht Tausende von Obdachlosen, Drogenkonsumenten und Kleinkriminellen wurden wiederrum gewaltsam vertrieben ohne die immanenten sozialen Probleme anzugehen (schlimmer noch, Peñalosa strich Teile des von seinem Vorgängers auferlegten Sozialprogramms wie beispielsweise die CAMADs, mobile medizinische Hilfszentren für Drogensüchtige). 8000 der circa 13000 „Bewohner der Straßen“ von Bogotá strichen in den Hochzeiten durch die Bronx, viele von ihnen sind zwar in der Nähe geblieben, doch andere vagabundieren nun durch andere Viertel und verursachen dort erneut Probleme und Konfrontationen mit den Bewohnern und Ladenbesitzern, die um ihr Geschäft fürchten.

„Recht“ und „Unrecht“

Unser Guide sprach viel über die komplexe soziale Situation und die menschlichen Tragödien die sich in und um die Bronx abspielen während wir den Park Tercer Milenio hinter uns lassen und an der Zentralwache der Polizei vorübergehen (Merkwürdig wie nah „Recht“ und „Unrecht“ in Kolumbien doch zusammenstehen). Unsere Gruppe erregte immer wieder Aufsehen, manche hielten uns für eine Gruppe von Hooligans des Fussballerstligisten Millionarios, die bekannt für ihre Prügelattacken sind, deswegen gingen uns viele der wenigen Passanten wohl gleich direkt aus dem Weg.

Wir bogen in eine Seitengasse ein, als sich uns drei dunkle Gestalten in Kapuzenpullis näherten. Aggressiv beäugten sie uns, doch drehten sie ab, als unser Begleiter „Mono“ sie offen grüßte. Der Hinterste lächelte fast schon aus einem vollständig mit grüner Farbe bemalten Gesicht. Er erschien wie aus einem Batman-Film gefallen, eine lachende grüne Joker-Grimasse.

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©Stephan Kroener

Pistolen im Anschlag

Nur ein paar Straßen weiter umkreisten uns drei Polizeimotorräder mit jeweils zwei Polizisten, die Beifahrer die Pistolen im Anschlag. Sie hielten vor uns und John erklärte ihnen ruhig, um was für einen Trupp es sich bei uns handelte. Die Polizisten schauten ungläubig, als sie die paar blonden Strähnen unter den Kapuzen erspähten. „Sie betreten hier wirklich gefährliches Gebiet, ich hoffe sie wissen das“. Noch zwei weitere Male sollten wir von der Polizei angehalten und uns mit ähnlichen Worten geraten werden nicht weiter zu gehen.

Mehrmals forderte uns John auf schneller zu gehen, zusammen zu bleiben, mehrmals änderten wir abrupt die Richtung oder gingen zurück. Wir trieben durch die Nacht, fünf Stunden lang, von Panikattacken bis zu tragikomischen Momenten. Mir blieb ein Obdachloser in Erinnerung, der ein pittoreskes Abbild Käpt‘n Sparrows darstellte und sich auch genauso wie Johnny Depp in dem Action-Klassiker verhielt. Wir passierten Müllsammler und Junkies en masse. Es erschien teilweise wie ein stolzes Elend, denn die Eindringlinge und Fremden waren wir.

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©Stephan Kroener

Las Ollas

Doch John führte uns weiter, kurz vor einer Gabelung, wir hatten längst die Orientierung durch das Straßenlabyrinth verloren, erklärte er uns mit festem Blick was uns nun erwarten sollte. „Auf beiden Seiten in den nächsten Seitenstraßen befinden sich sogenannte Ollas, Drogenlokale, schaut hin aber bleibt nicht hängen, weder mit Blicken noch sonst irgendwie“. Langsam und in vollkommener Stille überquerten wir die Kreuzung. Es war eine Szene wie aus einem Endzeitdrama, Gruppen von Menschen standen an Häuserwänden, vor einem Eingang müssen es mehrere Dutzend gewesen sein, weiter hinten brannten kleine Feuer, nur spärliche Straßenbeleuchtung ansonsten vollkommene blaugraue Finsternis.

Zwei gebückte lumpenumhangene Gestalten wendeten die Köpfe zu uns, man konnte ihre Gesichter nicht erkennen, nur die großen starren Augen. Sie standen auf der Mitte der Straße, ihre Bewegungen waren ruckartig, wie leblose Zombies, die auf Menschen treffen, zuckten sie zusammen. Es war das einprägendste Bild, das mir von dieser Tour, dieser Ghettosafari in Erinnerung blieb. Es war etwas, wie John es ausdrückte, dass man gesehen haben muss ohne sich daran satt zu sehen. Es geht bei seiner Tour nicht um den touristischen Zeitvertreib, sondern um das Verstehen, was hinter der bunten Fassade Bogotás liegt.

Die Zitate von Roberto Echevarria finden sich in dem beigefügten Video-Link

Weitere interessante Artikel zu dem Thema:

Artikel über Edgar Espinosa einen weiteren Musiker von SON CALLEJERO „SALSA SOCIAL“: “El duro paso de la fama al infierno de las calles”

http://www.eltiempo.com/archivo/documento/CMS-15906995

Artikel über die BRONX, LA ELE, 3 AM, VIERNES SANTO von EDGAR HUMBERTO ÁLVAREZ http://www.revistaserif.com.co/single.php?art=23

Fotos: Del ‚Cartucho‘ al ‚Bronx‘, una historia que se repite http://www.eltiempo.com/multimedia/fotos/bogota4/de-la-calle-del-cartucho-a-la-calle-del-bronx/16607527

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4 Gedanken zu “„Recht“ und „Unrecht“ in der Bronx Bogotás

  1. Eine faszinierende Reportage, die in europäischen Printmedien eine weite Verbreitung finden sollte, um das Bild einer aufblühenden Touristenregion nicht zu konterkarieren, sondern mit den Akzenten einer anderen Welt zu ergänzen, die den meisten Besuchern und wohl auch den politisch Verantwortlichen in der Stadt unbekannt oder zumindest fremd geblieben ist .

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  2. Hi Stefan

    sehr spannender Bericht. Kannst Du mir die Kontaktdaten Eures Guides zu kommen lassen? Mich wuerde es sehr interessieren, an der Tour teilzunehmen.

    Danke Dir,
    Lina

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