Der Stein der „Waisen“ von El Peñol

Noch scheint der Stein weit weg ©Stephan Kroener
Noch scheint der Stein weit weg ©Stephan Kroener

Dieser Blog wurde exklusiv für avenTOURa geschrieben und auch zuerst auf deren Webseite veröffentlicht.

Der Fels von El Peñol in Guatapé ist wohl das, was man sich bildlich unter einem Touristenmagneten vorstellen kann. Mitten in der leicht hügeligen Landschaft der Zentralkordillere der Anden und nur knappe zwei Autostunden von der Departamentshauptstadt Medellin entfernt erhebt sich der Granitklotz harmonisch aus dem ihn umgebenden gleichnamigen Stausee. Ob er auch magnetische Fähigkeiten hat, ist nicht bekannt, trotzdem scheint er viele Menschen magisch anzuziehen.

Seit circa 70 Millionen Jahre ziert dieser rund 220 Meter hohe (2135 ü. d. M.), 110 Meter breite und geschätzt 10 Millionen Tonnen schwere Koloss das Land und trotzt den Gezeiten. Man sieht ihn schon weitem, wenn man sich mit einem Willy oder Kleinbus von der Autobahn Medellín-Bogotá herkommend nähert. Immer wieder verschwindet er im Windschatten der vielen Kurven, bis er sich endlich in seiner ganzen Pracht zeigt. Von einigen Besuchern wird er als „Inselberg aus Granit“ beschrieben, da er seit Ende der 1970er Jahre größtenteils von dem Stausee Guatapé-El Peñol umgeben ist.

Auf dem Weg zum Stein von El Peñol ©Stephan Kroener
Auf dem Weg zum Stein von El Peñol ©Stephan Kroener

Unter diesem See liegt das alte El Peñol, ein Dorf, das dem „globalen Fortschritt“ weichen musste, um die „nationale Unterentwicklung“ zu überwinden. El Peñol reiht sich damit in eine lange Liste von Orten ein, die durch den weltweiten Energiehunger gefressen wurden. Die Zeitung El Espectador bezeichnete den Abriss des knapp 300 Jahre alten Dorfes seinerzeit als „Hiroshima paisa“.

Die paisas, wie die Bewohner der Region Antioquia auch genannt werden, sahen der Zerstörung ihres Dorfes aber nicht teilnahmslos zu. Sie konnten zwar in jahrelangen Protesten das Staudammprojekt nicht verhindern, doch zumindest wurden die Öffentlichen Versorgungsbetriebe von Medellín (EPM – Empresas Públicas de Medellín) zum Bau eines neuen Dorfes, einer humanen Umzusiedeln und zur Entschädigung verpflichtet. Als Mahnmal ragt heute noch ein Metallkreuz aus den Fluten, dass den Turm der Kirche symbolisieren soll, die 1979 durch die EPM gesprengt wurde.

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Diese Sprengung wurde von vielen Bewohnern als Affront verstanden, mit dem die EPM Revanche für die schlechte Publicity üben wollte. Die Risse im Mauerwerk unter Wasser, blieben genauso wie die Narben in der Erinnerung erhalten, so wurde eine ganze Dorfgemeinschaft zur Waise. Ein Nachbau der Fassaden des Dorfplatzes am Rande des Stausees zieht heute viele Touristen an, kann aber über den Verlust nicht hinwegtäuschen. Denn hinter den bunten Fensterläden wohnt niemand. Der eigentliche Neubau des Dorf erstreckt sich weiter die Straße runter, ein Konglomerat von roten Backsteinen, unverputzt und grau. Nur die Kirche des neuen Ortes ist zu einem Symbol geworden. Als Nachbildung des Felsen von El Peñol erhebt sie sich als architektonische Inbesitznahme des eigentlichen Felsen aus dem neugegründeten Dorf.

Denn dieses, von den Bewohnern der Region auch einfach nur Stein genannte Granitmonument ist ein ewiger Streit zweier Dörfer. Schon vor der Flutung der Gegend beanspruchte die Gemeinde El Peñol genauso wie das weit kleinere Dorf Guatapé den Stein als den ihren. Doch mit der Zerstörung des alten El Peñol vertiefte sich dieser Riss zwischen den beiden Orten. Denn obwohl auch Guatapé Teile seiner Altstadt verlor, konnte doch der größte Teil erhalten werden und bekam dazu auch noch einen exklusiven Wasserzugang.

Aussicht vom Stein von El Peñol ©Stephan Kroener
Aussicht vom Stein von El Peñol ©Stephan Kroener

Durch die neuentstandene Seenlandschaft zog auch der Tourismus kräftig an. In Guatapé kann man heute an der Hafenmole entlang spazieren und die rustikalen bunten Fassaden bestaunen. Auch der Wassersport ist ein großes Geschäft für die ehemals kleine Gemeinde. Dadurch nahm das einstmals unscheinbare Guatapé, seinem in betongegossenen Nachbarn den Rang ab.

Heute bleiben die Touristen lieber in dem traditionelleren Guatapé und flanieren durch die Gassen, an deren Hauswände der Beruf oder Gewerbe des jeweiligen Bewohners gemalt wurde. Die vielen Tucktucks laden zu einer Spritztour zum Stein ein. Wer gut zu Fuß ist, kann sich aber auch in einer halben Stunde über einen gut ausgebauten Spazierweg dem Koloss nähern. Für Instagramer ist Guatapé wie auch der Stein ein Muss.

Um ihren Anspruch auf den Stein der „Waisen von El Peñol“ zu betonen, machten sich einige Bewohner Guatapés 1988 in einer Nacht- und Nebelaktion daran, dem Granit im wahrsten Sinne des Wortes ihren Stempel aufzudrücken. Doch die Aktion wurde in El Peñol schnell bekannt und die Farbteufel vom Berg geholt. Seit dem prangt an der Nordseite in riesigen etwa 30 Meter großen, weißen Lettern ein mysteriöses „G“ und „I“ oder auch unvollständiges „U“ am Fels, das bei Touristen immer wieder Fragen aufwirft, aber doch eigentlich nur den unvollendeten Schriftzug „GUATAPÉ“ darstellt.

Erklimmen lässt sich dieser Streitnagel seit 1976 durch eine Betontreppenkonstruktion in einer der wenigen Felsspalten des sonst recht glatten Steins. Gebaut wurde diese von dem offiziellen Erstbesteiger Luis Villegas. Dieser, ein Bauer der Region, hatte es im Juli 1954 geschafft innerhalb von fünf Tagen mithilfe einer Holzpflock-Methode den Fels zu bezwingen (für die Bergsteigerspezialisten, es handelte sich dabei um eine frühe Abwandlung der „stove leg cracks“-Methode).

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Erstbesteigung durch Luis Villegas ©Stephan Kroener

Schon seit den 1940er-Jahren hatte die kolumbianische Regierung den Stein zum Nationalmonument erklärt. Doch erst Luis Villegas hatte es in Eigenarbeit und mit einer für die Bewohner Antioquias angeborenen Sturheit geschafft, den Stein ins Herz der Region zu schlagen. Mit seiner Hilfe konnte der Tourismus in die Region einziehen und mithelfen die Folgen des Staudammprojektes in einen wirtschaftlichen Vorteil für die Bewohner zu verwandeln.

Den Ausblick vom Rand des Steines bezahlt man aber nicht nur mit harten Pesos, sondern auch mit einer Menge Schweiß. Circa 650 Stufen sind bis zum eigentlichen Plateau zu bewältigen und noch einmal etwa 100 auf den vor einiger Zeit eröffneten dreistöckigen Aussichtsturm. Aber es lohnt sich, denn wie ein Teppich breitet sich unter einem das Netz des Stausees aus und lässt einen den Triumpf des Fortschritts vor der Schönheit der Natur vergessen.

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