Honda – Stadt, Land, Fluss auf kolumbianisch

Dieser Blog wurde exklusiv für avenTOURa geschrieben und auch zuerst auf deren Webseite veröffentlicht.

Jedes Land definiert sich durch seine Grenzen, natürliche wie künstliche. Was der Mississippi für die USA, der Rhein für die Deutschen, das ist der Magdalena Strom für die Kolumbianer. Über 1.500 Kilometer zieht er sich von Südwesten fast durch das gesamte kolumbianische Andenmassiv, um schließlich nahe Barranquilla ins karibische Meer zu münden.

La Arenosa, die Sandige, wie die Kolumbianer Barranquilla, die Stadt des weltberühmten Karnevals nennen, ist ein würdiger Abschluss für diesen Strom, dessen Ursprung nahe der Ruinen der indigenen Gräberfelder von San Augustín zu finden ist. Die Städte, die sich wie urbane Perlen an seine Ufer reihen, verleihen dem braunen Wasser erst seinen wirklichen Glanz. Es ist ein verstaubter Charme der von ihnen ausgeht, denn die Zeichen der Zeit lässt sie wie eingemottete antike Möbel in einem verlassenen Gemäuer anmuten. Sie scheinen nur darauf zu warten, dass endlich wieder neues Leben in sie einzieht.

Mompox, die ehemalige republikanische Hauptstadt des Landes, ist eines dieser blinden Juwelen. Wie im touristischen Halbschlaf scheinen sich erst nach und nach wieder die Läden zu öffnen, um frischen Wind hinter die verblassten Fassaden wehen zu lassen. Aus tiefen Fensterhöhlen blinzelt nach und nach die Geschichte einer Stadt, die von dem sie umfließenden Fluss geschrieben wurde. Mompox muss warten, denn ein anderes verlorenes koloniales Kleinod hat den Sprung aus den Geschichtsbüchern in die Urlaubsprospekte eher geschafft: Honda.

In der Calle de las Trampas (Foto Stephan Kroener)
Nachts in den Gassen von Honda ©Stephan Kroener

Honda – unterschätzte Perle

Bei vielen Touristen ist die Stadt im Regierungsbezirk Tolima vor allem ein Zwischenhalt auf dem Weg ins Eje Cafetero, der Kafee-Region (mit dem Auto 2h) oder nach Medellín (4h) und Bogotá (6h). Doch die Stadt ist es wert, länger zu verweilen, allein schon aufgrund der einzigartigen Geschichte. Denn, durch seine strategisch wichtige Lage am Fluss und zwischen den Zentren des Landes wurde die Stadt schnell zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Technische Neuerungen wie Dampfschifffahrt, Telegrafie, Wasserflugzeuge und Automobile wurden in dem verschlafen wirkenden Ort schneller eingeführt als im Rest des Landes. Mehr als 40 Straßen spannen sich hier über den Magdalena und seine Seitenarme und gaben Honda schon früh den Namen „Stadt der Brücken“.

Der Salto de Honda, eine etwa zweihundert Meter lange Stromschnelle, teilt den Magdalena kurz oberhalb der Stadt in zwei Hälften. Auf der unteren fuhren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts Dampfschiffe. 1823 bekam der Deutsche Johan Bernard Elbers für seine Unterstützung im Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Kolonialmacht – er hatte Waffen und Schiffe an die Aufständischen geliefert – von keinem geringeren als dem „Befreier“ Simón Bolívar die alleinigen Schifffahrtsrechte auf dem Magdalena. Doch schon sechs Jahre später verlor der aus Mühlheim am Rhein stammende Elbers dieses Privileg wieder, da seine Mississippi-Dampfer nicht gegen den unbeugsamen Strom ankamen.

Honda entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte zum wichtigsten Flusshafen Kolumbiens. Die Schlüssellage verband die in den Anden liegende Hauptstadt Bogotá mit der Karibik und so mit Europa und Nordamerika. Ohne Honda und den Magdalena hätte Bogotá vielleicht sogar seine Hauptstadtstellung gegen Cartagena nicht durchsetzen können.

Im Museum del Río Magdalena (Foto Stephan Kroener)
Im Museum Des Río Magdalena ©Stephan Kroener

Die Bedeutung Hondas wird auch in seiner Architektur sichtbar. Teile der kolonialen Baustruktur sind noch gut sichtbar, allen voran die steil abfallende Calle de las Trampas. Das Kopfsteinpflaster hat seinen Namen (Falle, Schwindel) wohl aufgrund seiner vertrackten Zickzackführung. Am oberen Ende der Gasse hat man einen guten Ausblick auf die Stadt und seine Brücken. Die bekannteste ist die „Puente Navarro”. Sie wurde 1899 zu Ehren eines bekannten Komponisten eingeweiht und verbindet seitdem die Regierungsbezirke Tolima und Cundinamarca über den Magdalena. Ihre majestätische Stahlkonstruktion unterstreicht technisch die Bedeutung des unter ihr liegenden Flusses für Kolumbien.

Der Aufstieg hat sich nicht nur für diesen Ausblick gelohnt. Gleich am Ende der Calle de las Trampas lädt der Hauptplatz Hondas mit einem kleinen Park und der Kirche Catedral de Nuestra Señora del Rosario zum Ausruhen ein. Doch stärken sollte man sich später bei einem Gang durch die Plaza de Mercado. Die Markthalle von Honda wurde von dem englischen Ingenieur Harry Valsint entworfen. Ihre 148 Säulen, die die Halle und ihre exakt 108 Eingänge umrahmen, wurden zwischen 1917 bis 1935 aufgestellt und erinnern eher an einen griechischen Tempel als an einen südamerikanischen Markt.

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Auf dem Markt von Honda ©Stephan Kroener

Ein Besuch auf diesem mit all seinen Gerüchen und Farben ist aber ein Muss für alle Reisenden. Die Händler bieten immer gerne Kostproben an, um die Kaufleidenschaft ihrer Kunden anzuregen. Verhandlungsgeschick und eine gewisse Kenntnis der Preise ist dabei natürlich immer von Vorteil. Wer deftigere Speisen sucht, ist bei den angeschlossenen Marktküchen richtig. Die beiden traditionsreichsten Gerichte in Tolima sind sicherlich Tamal (in Palmenblätter eingerollter Maisteig) und Lechona (gefülltes Schwein). Bei Letzterem wird das vollständig mit Reis und Erbsen befüllte Tier auf einem Seziertisch fachmännisch in Einzelportionen zerlegt. Ein für Vegetarier nur schwer erträglicher Anblick.

Wer sich danach noch im Stande fühlt, sollte unbedingt dem Museo del Río Magdalena an der Uferpromenade etwas abseits der Altstadt einen Besuch abstatten. Dort wird einem die Bedeutung dieses Flusses für Stadt und Land erst richtig klar. Bildhaft verdeutlichen die Museumräume die Reisekultur, die eine Fahrt mit dem Übersee- und Flussdampfer von London bis Honda mit sich brachte. Um 1900 dauerte diese Strecke noch 120 Tage, unvorstellbar für uns, die wir heute im Flieger von Frankfurt oder München in elf ein halb Stunden direkt nach Bogotá jetten. Dass wir dabei allzu oft Grenzen nicht mehr wahrnehmen, die für unsere Vorfahren noch unüberwindbar galten, wird einem in diesem kleinen aber bedeutenden Honda wieder sichtbar…

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