El Yogaman: Mystische Graffitis in Bogotá

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Der Yogaman ©Stephan Kroener

Es wird schon langsam hell, während wir die Straßen der Candelaria Richtung Norden verlassen. Obwohl es Feiertag ist, schieben die ersten fliegenden Händler ihre Karren über die Gehwege. Mein Begleiter zieht sich die Kapuze tiefer ins Gesicht: „Mache aber keine Fotos, auf denen man mich erkennen könnte“. Er hat mich gebeten, seine Anonymität zu wahren, deswegen nenne ich ihn nur noch den Yogaman und vergesse auch langsam seinen wirklichen Namen.

Das Klackern der Farbsprühdosen in seinem Rucksack verrät ihn aber doch. Er ist einer der vielen Grafiteros Bogotás, die sich seit einigen Jahren einen immer breiter werdenden Platz in der kolumbianischen Kulturszene sprichwörtlich erobert haben. Auf kommerziellen Graffiti-Touren für Touristen erhält man Einblick in die tiefe Lyrik der Bilder, deren künstlerischer Wert seit Bansky wohl von niemandem mehr angezweifelt wird.

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©Stephan Kroener

Bogotá wird als das Athen Lateinamerikas bezeichnet. Neben Mexiko-Stadt und Buenos Aires gehört seine Kulturszene zu den Innovativsten, was der Subkontinent zu bieten hat. Man brüstet sich mit der meistbesuchtesten öffentlichen Bibliothek der Welt und großartigen neuen architektonischen Büchertempeln, die jede Art von Angst des Gedruckten vor der Online-Revolution vergessen lassen.

Wir laufen über die Calle Tercera, nur einen Block von der bogotanischen Museumsinsel entfernt. Ein Museumsmeer, das durch die Schenkung des Künstlers Boteros kulturelle Wellen schlug und sich langsam lagunenhaft im historischen Zentrum ausbreitet. Innen schauen Miró, Picasso und Dalí von den Wänden, außen bleiben die Museumswände kahl und weiß. Doch ab wann wird Kunst zur Kunst und als diese erkennbar?

Der Kapuzenmann, der immer ein wenig vor mir läuft, was praktisch für die Fotos ist, hat da seine eigene Philosophie: „Kunst ist ein Krach im Kopf, um mich zu beruhigen, muss ich der Kreativität freien Lauf lassen und dazu ist die Straße der perfekte Ort“. Er ist aber kein Vandale, nicht mal in den Augen bürgerlicher Köpfe, und er hat auch keine Angst vor dem Weißen Rauschen der Wände. Er spricht mit den Bildern, nicht bildlich oder vielleicht gerade doch und noch viel mehr. „Die Kunst auf der Straße hat ein Leben und dieses stirbt und verändert sich“.

Mit der Kunst will er leben und wachsen, ganz in ihr aufgehen. „Ich bin kreativ nicht aus einer Mode heraus, ich lebe das und es ist mein Leben. Kunst ist in jeder Zelle meines Körpers und drückt nach draußen“. Er lacht, „Wenn ich den Druck nicht ablasse, explodiere ich“. Für ihn liegt im Ende schon ein neuer Anfang und umgekehrt. Dies gilt für den biologischen Lebenszyklus genauso wie für die Kunst. Ein Bild ist nicht mit den letzten Pinselstrichen des Malers abgeschlossen, es lebt durch die Zeiten und wird durch die Interpretationen des Betrachters immer wieder verändert. Kunst ist für ihn dementsprechend ein Selbstzweck, ein spirituelles l’art pour l’art.

Ich versuche ihm gedanklich und physisch zu folgen, während wir die Plaza de los Periodistas überqueren, die jetzt schon deutlich bunter ist in meinen Augen, da sie sich langsam an die grellen Graffitis gewöhnen und für sie öffnen. Der Yogaman zeigt auf einige von ihnen und kennt die Künstler mit Namen. „Kunst verändert, durch sich selbst und mit einem. Ich bin Teil dieser Graffitis und sie sind ich“. Seine metaphysischen Gedankensprünge werden immer weiter und ich bleibe zurück.

Der Yogaman spricht perfekt spanisch, nur manchmal bezieht er einen amerikanischen Slang ein und verrät Teile seiner kosmopolitischen Herkunft. „You know man, da sind so viele Menschen und Geschichten an den Wänden, und wir werden eine davon“. Was er genau meint, wird mir am Straßenrand bewusst. Über den geschlossenen Metalljalousien eines Geschäftes prangt ein grüner Yogaman der durch eine gelbe Linie mit einem blauen verbunden ist. Fett und dreist hat sich dieser phantomartige Yogaman auf den Graffitischriftzug – den sogenannten Tag (engl. ‚Markierung‘, ‚Etikett‘, ‚Schild‘) im Bubble-style – eines anderen gesetzt.

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Der Act und sein Meister ©Stephan Kroener

Auf den Graffiti-Touren wird den Touristen diese Art des Übersprühen anderer Grafiteros als künstlerisches Battle verkauft wie es im HipHop angewendet wird. Es ist eine Reviermakierung, je weiter verbreitet der Tag ist, desto besser und desto so mehr Fame für den Künstler. Doch dem Yogaman geht es nicht um den Ruhm und es ist auch kein Battle für ihn. „Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Sie wollen etwas aussagen, wenn sie die Wände besprühen und ich antworte ihnen auf meine Art“.

Ob die anderen Grafiteros das auch so sehen, sei dahin gestellt. Einige seiner Yogamänner wurden auch schon wieder übermalt, getaggt oder mit einem bedrohlichen Fadenkreuz markiert. Je nach Blickwinkel kann man seine Zeichnungen als Kommentare zu den Bildern der anderen, auch Writer genannten Grafiteros sehen oder aber als „Terrorlinie“, welche die bewusste Zerstörung eines Bildes bezeichnet, um damit die Verachtung gegenüber dem anderen Writer auszudrücken. Doch in einem hat er vollkommen Recht, die Straße gehört allen und niemandem. Jede Hauswand ist Teil des öffentlichen Raumes, abgesehen davon, dass es strafbar ist, sie zu bemalen, beschmieren, verschönern, sollte niemand geistig von der Veränderung und Teilhabe am öffentlichen Raum abgehalten werden.

Wir klettern über eine Absperrung und laufen über die mehrspurige Ost-West-Achse der Carrera Decima. Auf der anderen Seite eröffnet er mir endlich sein Vorhaben. Rechts unter uns verläuft die Calle 26, eine Stadtautobahn, die Feiertags teilweise gesperrt und für Fahrräder geöffnet wird. „Da hinten an der Wand gab es ein riesiges schönes Graffiti von einem bekannten Künstler. Vor einigen Tagen haben ein paar Jungs das Bild übermalt und ihre pampigen oldschool Tags drübergeworfen. Ich werde jetzt zu ihnen sprechen und das klarstellen“.

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Der Ort des Geschehens, Calle 26 mit Carrera 10 ©Stephan Kroener

Gewohnt zügig läuft er die Ausfahrt runter, stellt seinen Rucksack auf die gegenüberliegende Straßenseite und holt seine Dosen raus. Ein paar Sekunden steht er noch vor dem Bild und scheint sein inneres Künstlerauge zu öffnen, dann sprüht er los. Die Militärposten, die am Hotel Tequendama patrouillieren, schauen ihm interessiert zu. Auch ein paar junge Polizisten kommen vorbei, keiner spricht ihn an oder hält ihn auf. In wenigen Minuten zieht er gezielt wie Archimedes seine Kreise und verändert im Privaten das Öffentliche.

Schon führt ein gelber Strich durch die Landschaft der markigen Graffiti-Tags und streicht sie durch, nicht aus. Aus den Lücken die er lässt, sprießt schließlich ein Baum, ein Tier und die Welt. Versinnbildlicht in kindlich anmutenden Formen. Sie verbinden sich durch die gelbe Linie mit dem grünen Yogaman. Der menschliche Kapuzen-Yogaman arbeitet ruhig, nicht gehetzt oder irgendwie eine Strafe befürchtend. In wenigen Minuten ist das künstlerische „Gespräch“ beendet und der Künstler selbst kommt wieder auf die Brücke.

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Er holt mit seinen Armen aus und überschlägt sich dabei in seiner Verdeutlichung fast. „Wir sind die gelbe Linie, die Verbindung zwischen Natur, Tier und Welt. Der Yogaman ist die Mystik selbst. Für mich ist der moderne Mystizismus kein alter Mann irgendwo in einer Hölle im Himalaja, er sieht dir von der Wand aus zu, wenn du mit dem Bus zur Arbeit fährst. Der Graffiti-Act ist dabei der Rahmen für den Ausdruck eines modernen Mystizismus“.

Der Yogaman entstand erstmals in Istanbul, als sich der menschliche Yogaman auf einer spirituellen Suche befand. Dies ist einige Jahre her und seit dem wuchs er künstlerisch und weltlich. Er prangt im kleineren Format in Teheran, genauso wie in Kreuzberg und Brooklyn. Ein Yogaladen in Berlin hat ihn sogar für sein „Urban Yoga Retreat“ übernommen, ungefragt, „but hey, darum ging es ja, nicht fragen, sondern reden“. Auch in Brasilien hat ihn schon jemand an die Wand gesprüht und so scheint sich die Spiritualität seines Meisters zu verselbständigen. Der erklärt abschließend, „Wir sind wie die Sonne die strahlt und Schatten hinterlässt, nur unsere Strahlen sprühen durch die Dose Graffitis an die Wände“.

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