Wie die „friedliche“ Revolution in Kolumbien mich veränderte

Ich hatte vergangenes Jahr das Glück mit einem DAAD-Stipendium für zwölf Monate ungestört den Forschungen für meine Dissertation nachgehen zu können. „Ungestört“ ist vielleicht in diesem Zusammenhang etwas zu viel gesagt, denn mein Gastland Kolumbien erlebte eine wahre Revolution – und ich sie mitten drin.

Mein Dissertationsthema möchte die Verbindungen zwischen Menschenrechtsverteidigern und Pressevertretern beleuchten. Dafür saß ich tagelang in den Archiven der Biblioteca Luís Ángel Arango im Herzen Bogotás. Für mich sind „alte“ Zeitungen sinnbildlich gesprochen eine historische Konserve, die ich als Forscher öffnen will. Sie spiegeln den Diskurs und das Wissen vergangener Zeiten wider und sind ein unschätzbares Werkzeug zum Verständnis des historischen Kontexts der Vergangenheit.

Aufgrund meines Forschungsinteresses sah ich nur selten Tageslicht. Stundenlang saß ich mit Gummihandschuhen und Mundschutz bewaffnet in einem fensterlosen Saal, die Augen und Gedanken auf den vergangenen Zeitungsdiskurs gerichtet. Nur zum Mittagessen verließ ich das futuristisch angehauchte Gebäude der Bibliothek und suchte mir in einer Nebenstraße etwas zu essen. Ich erinnere mich noch genau, dass ich – kaum anwesend durch die lange Archivarbeit – wie in Trance auf den summenden Fernseher starrte und erst beim zweiten Blick verstand, was da in diesem Moment passierte.

Der kolumbianische Präsident Juan-Manuel Santos reichte dort gerade freundlich dem Guerillachef Timochenko die Hand. Auf dem Nachrichtenticker darunter stand „Colombia, rumbo al final de la Guerra“ (Kolumbien auf dem Weg zum Ende des Krieges) und „Día histórico para la Paz“ (Historischer Tag für den Frieden). Nicht dass ich nicht gewusst hätte, dass seit knapp vier Jahren Friedensverhandlungen der Regierung Santos mit der ältesten aktiven Guerillabewegung Kolumbiens – und wahrscheinlich der Welt – in Havanna abgehalten wurden, aber trotzdem trafen mich die Fernsehnachrichten wie ein medialer Schlag.

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Ein medialer Schlag: „Día Histórico para la Paz“ ©Stephan Kroener

Ich erinnere mich nur verschwommen, wie es damals war, als mein Vater morgens im Radio vom Fall der Berliner Mauer hörte. Ähnlich wichtig, wenn auch für viele nicht so überraschend, kann man den Beginn des Endes des bewaffneten Konfliktes zwischen der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und der kolumbianischen Regierung sehen. Doch in dem kleinen Restaurant und auf den Straßen der Hauptstadt feierte niemand. Keine Hupkonzerte, keine Umarmungen wildfremder Menschen, kein Sektkorken- oder Feuerwerksgeknalle. Das Leben um mich herum ging ganz normal weiter, keiner schien Notiz von diesem historischen Ereignis zu nehmen.

Ich ging nachhause, nahm meine Kamera und das Aufnahmegerät für meine Experteninterviews, und versuchte diese ganz spezielle Stimmung einzufangen. Darüber schrieb ich einen meiner ersten Blogs, noch auf der Seite der Menschenrechtsorganisation, für die ich zuvor gearbeitet hatte, und über die ich auch auf mein Promotionsthema gekommen war.

Nach und nach wurde das regelmäßige (Blog-)schreiben eine Form der Verarbeitung dieses historischen Prozesses. Meine Archivarbeit ging aber natürlich weiter und der Kontrast, zwischen dem gewalttätigen Konflikt, den die Artikel in meinen verstaubten Zeitungen beschrieben und der Welt außerhalb der Bibliothek, lässt sich kaum beschreiben. Ein Land das nach über 50 Jahren endlich einen Frieden in greifbare Nähe erhält und ihm trotz – oder gerade wegen – der jahrzehntelang erlebten Gewalt eher skeptisch und verhalten gegenübersteht als sich überschwänglich zu freuen und das Erreichte zu feiern.

Kurz vor Ende der ersten Hälfte meines Forschungsaufenthaltes, flog ich nach Medellín zu einem Kolloquium über das historische Gedächtnis, die mediale Aufarbeitung und den bewaffneten Konflikt. Hier traf ich mich mit einem deutschen Doktorandenkollegen, der sich ebenfalls im Schreibfieber über den Friedensprozess befand. Auf dem Kolloquium konnte ich wichtige Kontakte schließen, noch wichtiger war aber die Information eines kommenden medialen Großereignisses.

Die FARC plante ihre letzte Gesamtkonferenz als bewaffnete Guerillaorganisation. Dazu lud sie Medienvertreter und Aktivisten ein. Eigentlich war die Anmeldefrist schon abgelaufen, aber ich versuchte mein Glück, und fragte per mail die Pressesprecherin der Guerilla um Erlaubnis, an der Konferenz als unabhängiger Beobachter und Blogger teilnehmen zu dürfen.

Ohne wirklich zu wissen, auf was ich mich eingelassen hatte, saß ich nur zwei Wochen später in einem offenen Bus Richtung Guerillacamp. Diese Zeit und die Begegnung mit den uniformierten Guerilleros werden mich wohl nie wieder loslassen. Ich führte zahlreiche längere Interviews mit Männern und Frauen der Guerilla. Ihre Geschichten eröffneten mir einen neuen Blick auf eine mir doch noch weitgehend unbekannte Realität.

Inwieweit dies direkt in meine wissenschaftliche Arbeit einfließen wird, kann ich heute noch nicht absehen. Was aber auf jeden Fall meine Dissertation und auch meinen weiteren Lebenslauf beeinflussen wird, sind die vielen Kontakte zu nationalen und internationalen Journalisten. Über 800 waren in dem Camp anwesend. Einige traf ich später erneut in Bogotá und mit einem venezolanischen sowie einem italienischen Kollegen konnte ich sogar einen Vortrag an einer privaten Universität organisieren. Außerdem wurde ich von der Süddeutschen Zeitung interviewt und veröffentlichte meine Blogs auch auf der Seite der Huffington Post Deutschland.

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Im Pressezelt des Guerillacamps ©Stephan Kroener

Das reichliche Material, die Geschichten und Fotos veröffentlichte ich auf meiner eigenen Blogseite, die ich zu diesem Zweck erstellt hatte. Doch ich hatte kaum Zeit meine Erfahrungen zu verarbeiten, denn schon Anfang Oktober scheiterte das großangekündigte Plebiszit zum Friedensabkommen aufgrund einer minimalen Mehrheit der Gegner.

Damit war Kolumbien von einem Tag auf den anderen im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Während vormals schon mit der Ankündigung des Waffenstillstands und der Unterzeichnung des Abkommens für viele der Frieden be- und das Thema abgeschlossen schien, überraschte das Nein-Votum der Kolumbianer zum Friedensvertrag die internationale Öffentlichkeit – und auch mich.

Wochenlang wurde in Bogotá demonstriert und ich dokumentierte diese Gefühlsschwankungen der kolumbianischen Bevölkerung als unbeteiligter Beobachter. Auf dem Hauptplatz Bogotás ganz in der Nähe meiner Wohnung wurde ein Friedenscamp aufgebaut und es wurde lebhaft zwischen Gegnern und Befürwortern diskutiert. In dieser aufgeheizten Stimmung vergab das Nobelpreiskomitee in Oslo Präsident Santos den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen um den Friedensprozess. Diese Achterbahn der Gefühle hielt ich in mehreren Blogs fest.

Die Medien standen durchgehend in der Kritik und viele Journalisten diskutierten was bei der Information der Bevölkerung falsch gelaufen sei und wie man den Informationsfluss verbessern könnte. Diese Reflektionen zur aktuellen Situation halfen mir sehr den historischen Kontext meiner Dissertationsarbeit weiter zu verstehen. Es gab mir auch einen erneuten Anstoß meine Forschungen zu vertiefen, denn ich erkannte den aktuellen und gesellschaftlichen Bezug, den ich in meiner Dissertation besonders berücksichtigen möchte.

Viele der Demonstranten, die ich auf der Straße traf, waren mir als Journalisten oder Menschenrechtsverteidiger bekannt. Sie in dieser aufgebrachten und unsicheren Zeit direkt begleiten und beobachten zu dürfen, war eine unglaubliche Erfahrung, die mir erlaubte mein Thema in seiner ganzen breite einordnen und erfassen zu können.

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„Demonstration der Stille“ in Bogotá, 5. Oktober 2016 ©Stephan Kroener

Aus allen diesen Begebenheiten haben sich nicht nur für die Dissertation an sich, sondern auch für mich persönlich neue Horizonte eröffnet. Mir wurde angeboten neben meiner Promotion einen Master in Journalismus an einer der renommiertesten Universitäten Kolumbiens zu absolvieren. Auch ein Stipendium wurde mir bereits in Aussicht gestellt.

So bedeutet für mich diese unruhige Zeit der „Revolution“ in Kolumbien einen Schritt zu einem neuen Arbeits- und Lebensabschnitt. Ich bin glücklich diese Momente ungestört durch finanzielle Probleme und Nöte erlebt zu haben. Dadurch konnte ich einerseits meine Forschungen für die Dissertation vorantreiben und andererseits mich persönlich und beruflich enorm weiterentwickeln. Hierfür danke ich vom ganzen Herzen dem DAAD als Institution aber auch seinen vielen Mitarbeiten, die mich bei meinem Aufenthalt tatkräftig unterstützt und beraten haben.

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„Marsch der Blumen“ in Bogotá, 12. Oktober 2016 ©Stephan Kroener

Dieser Blog wurde erstmals veröffentlicht als Abschlussbericht eines DAAD-Jahresstipendium für Doktoranden (Studienjahr 2016/17; Studienort Biblioteca Luís Ángel Arango, Bogotá, Kolumbien) 

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