„Suchen Sie Gabo?“

Diesen Monat feiert Kolumbien 50 Jahre Aufmerksamkeit für „Hundert Jahre Einsamkeit“: Hat damit das Mammutwerk von Gabriel García Márquez seine Halbwertszeit erreicht? Und was passiert am Ende der nächsten 50 Jahre, wird sich dann das literarische Erbe des ersten Nobelpreisträgers Kolumbiens wie das fiktionale Macondo seines Autors in einem apokalyptischen Sturm in Schutt und Asche auflösen?

In der Biblioteca Luís Ángel Arango – meinem Zweitwohnsitz – die für sich beansprucht, die öffentliche Bibliothek mit den meisten Nutzern weltweit zu sein, wird zurzeit dem berühmten Sohn des Landes gedacht. In mehreren Ecken des riesigen Gebäudes scheinen gelbe macondianische Schmetterlinge zwischen den Schülergruppen und Studenten herum zu schwirren. In einigen der Obdachlosen, die immer wieder Zuflucht zwischen den Bücherregalen und ein bisschen ungestörten Schlaf in den bequemen Leseseseln suchen, erkennt man Züge des Zigeuners Melchíades. Ich warte schon darauf, dass einer von ihnen mich anspricht und mir eine seiner Erfindungen andrehen will.

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Gelbe Schmetterlinge  schwirren durch Raum und Wirklichkeit ©Stephan Kroener

Aureliano Babilonia in den Lesesälen

Doch Melchíades döst weiter vor sich hin. Seine Pergamente hingegen liegen geschützt unter Glas in Form von Ausgaben in allen erdenklichen Sprachen von „Hundert Jahre Einsamkeit“. Vielleicht wird auch irgendwann ein Aureliano Babilonia in den Lesesälen erscheinen, der dieses babylonische Sprachgewirr entziffern kann und das Macondo der Bibliothek auf den Kopf und in seinen Urzustand zurückverwandeln wird. Doch bis dahin wird Melchíades in der Figur eines Obdachlosen vor meinem Laptop schnarchen und meine Fantasie solange anheizen bis er aufwacht. Aber diese Hundert Jahre Einsamkeit gönne ich ihm.

Vor zehn Jahren durfte ich zum ersten Mal die Heimat des Realismo Mágico besuchen. Im gleichen Jahr fuhr ein gelber Zug von Santa Martha nach Aracataca an der Karibikküste. Mit an Bord der berühmteste Sohn der Stadt und sehr wahrscheinlich des ganzen Landes. Dem Zug und den Spuren seines Passagiers folgte ich damals. Fragte in den Straßen Cartagenas nach seinem Wohnhaus und klingelte enthusiastisch an seiner Tür. Doch der Maestro befand sich in seiner Zweitheimat Mexiko und kümmerte sich um seine „Traurigen Huren“, die im Iran nicht veröffentlicht werden durften. Deswegen fuhr ich weiter nach Aracataca, um ihn dort zu finden.

(Den folgenden Text schrieb ich Ende Dezember 2007)

Endlos scheinen die Bananenplantagen zu sein, an denen mein Bus an diesem schönen ersten Weihnachtstag vorbeirauscht. Endlos auch die Hitze. Am Bahndamm steige ich aus und betrachte die in der Sonne vibrierende Straße. Ein verschwitzter Bahnbeamter kommt aus seinem Wartehäuschen heraus und winkt mir freundlich zu. Er erklärt mir hilfsbereit wie ich ins Zentrum komme und bietet mir an, ein Motorradtaxi zu rufen.

Ich lehne dankend ab und mache mich zu Fuß über die Gleise auf ins Herz des kleinen Städtchens. In einem müden Privathaus nehme ich mir ein Zimmer, die Vermieterin eine verblühte koloniale Schönheit sieht mich erstaunt an und fragt „sind sie Journalist“. Erst vor ein paar Monaten war eine argentinische Journalisten bei ihr. Auf meine Frage ob denn viele Ausländer hierher kommen nickt sie und stolz meint sie „ja, wir sind durch García Márquez zu einem patrimonio nacional geworden“. Gabriel García Márquez, achtzigjähriger Nobelpreisträger, hat mit seinem wohl berühmtesten Werk „Hundert Jahre Einsamkeit“ seiner Geburtsstadt Aracataca ein literarisches Denkmal gesetzt, aus seinem Dornröschenschlaf konnte aber auch er es nicht erwecken.

Macondos Spezialitäten

Beim Essen in einem kleinen Restaurant, das sich seiner Macondo Spezialitäten rühmt, betrachte ich die Bilder und Zeitungsausschnitte García Márquez‘ an den Wänden. Es sind neuere und schon vergilbte dabei. Sie zeigen vor allem die Ankunft Márquez dieses Jahres in Aracataca. In einem gelben Zug fuhr er auf dem Bahnhof des Städtchens vor, umringt von einer Menschentraube. Doch die Bilder sind das einzig Aufregende, was das Auge auf den Teller bekommt. Das Essen ist gut, aber das Spezielle dieser Spezialitäten lässt sich nicht erkennen.

Der Raum, in den ich mich gesetzt habe, heißt Aracataca, sozusagen ein Raum im Raum. Zwei weitere Türen führen nach Macondo und in das literarische Hauptwerk Cien años de soledad (Hundert Jahre Einsamkeit). Der letztere wurde mir aufgrund seiner Klimaanlage empfohlen, logisch, Bücher brauchen ja eine ausgewogene Temperatur. Ich zog aber einen Platz am Eingang vor, um die hereinkommenden Macondianos und Cataqueros besser betrachten zu können. Eigentlich müsste man sie gut unterscheiden können, die Bewohner dieses kleinen vergessenen Karibikdorfes und die berühmten großen literarischen Persönlichkeiten aus dem weltbekannten Macondo. Man scheint sich untereinander zu kennen und auch ich werde von allen freundlich begrüßt. So vermischt sich dann auch Realität und Fiktion.

Rostflecken und Imagination

Zurück auf der Straße erkundige ich mich nach dem Geburtshaus des berühmtesten Sohnes der Stadt und werde auch gleich hingeführt. Es ist ein einstöckiges unscheinbares steinernes Haus, das fast vollständig von einem grünen Bauzaun verdeckt wird. Vor ihm steht ein verrostetes Schild: Casa Museo de Gabriel García Márquez. Monumento Nacional. Auch die Lage der einzelnen Zimmer und die Größe des Gartens kann man zwischen den Rostflecken ablesen. Der Rest wird der Imagination überlassen. Klar, wer García Márquez finden will, muss über ein gewisses Vorstellungsvermögen verfügen. In guter touristischer Tradition schieße ich ein paar Fotos und ärger mich schon ein bisschen, dass ich dafür den ganzen Weg gefahren bin, als mich von hinten eine höfliche Stimme anspricht: „Suchen Sie Gabo?“.

Ein in weiß gekleideter älterer Herr mit Panamahut sieht mich belustigt an und fängt sofort an zu erzählen. Gabo, wie er den Literaturnobelpreisträger liebevoll nennt, sei nicht oft hier, das sagt er nicht vorwurfsvoll und verteidigt ihn auch sofort, „lange Reisen sind ihm unangenehm“. Der Herr, der ein bisschen wie eine Figur aus Die Liebe in Zeiten der Cholera aussieht, stellt sich als Gründer einer Einrichtung zur Förderung des Tourismus in der Region vor.

Der Kölner Dom in Aracataca

„Seit langem“ erklärt er mir, „wird die Region von der Regierung in Bogotá vernachlässigt, es fehlt an allem, Infrastruktur, Hotels, allem“. Aracataca könnte eine touristische Goldgrube sein, ist aber nur ein weiterer Ort an der Karibikküste, an dem die Zeit stehengeblieben scheint und nur die Korruption stetig wächst. Sein Angebot für eine kleine Stadtführung nehme ich erfreut an.

Gleich eine Straße weiter direkt und im wahrsten Sinne des Wortes an das Grundstück der Familie Márquez angelehnt, steht, liegt und zerfällt die Hütte, in der die sagenhafte Romanfigur Oberst Aureliano Buendía die berühmten Goldfische anfertigte. Auf dem Hauptplatz zeigt mir mein sprechender Reiseführer die Kirche, die wie er mir beschreibt Anfang des vergangenen Jahrhunderts in so sagenhaft kurzer Zeit wie sieben Jahren fertiggestellt wurde. „Wissen sie wie lange die Bauzeit des Kölner Doms betrug?“ ohne eine Antwort zu erwarten, erklärt er „600 Jahre“.

Der Vergleich scheint mir ein wenig macondiansch angehaucht und ich stelle mir den riesigen Kölner Dom in Aracataca vor. Zeit scheint hier wirklich keine Rolle zu spielen und für die Menschen auch keine Referenz zu sein. Hundert Jahre Einsamkeit im Vergleich zu 600 Jahren Bauzeit, ist doch ein Witz. Der Mann reißt mich aber sofort wieder aus meinen Träumen und zeigt aufgeregt in die gegenüberliegende Ecke des Platzes. „Das ist die Billardbar, in der José Arcadio Buendía den Gästen zum Beweis seiner Manneskraft seinen gänzlich tätowierten Körper präsentierte“.

Und so ging die Tour weiter, zwischen literarischen Splittern und heruntergekommener Wirklichkeit. Stolz sind sie hier aber alle, auf Gabo und dieses heruntergekommene Denkmal. Hoch lebe der Niedergang in Macondo.

(Gabriel García Márquez sollte nie wieder nach Aracataca kommen, er starb 2014 in Mexiko. Sein Geburtsort ist immer noch nicht aus dem beschriebenen Dornröschenschlaf erwacht, der eher schon einer Totenstarre gleicht. (Fotos)

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Gabriel García Márquez in der BLAA ©Stephan Kroener
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