Escobars Panamá-Connection und der Tod des Ananasgesichts

José fährt schnell, zu schnell, um Fotos machen zu können. Immer wieder drehe ich die Scheibe runter und halte die Kamera raus. Die schwüle Luft wirkt wie eine Wand, die sich gegen die Kälte der Klimaanlage im Inneren des Taxis drängt. José ist Mitte 50 und fährt schon sein ganzes Leben Menschen von A nach B und zurück. Anfangs fuhr er den Schulbus der amerikanischen Schule in Panama-Stadt, später dann sein eigenes Taxi.

In diesem sitze ich jetzt und lasse mir erzählen, wie er die US-Invasion 1989 als Anfang Zwanzigjähriger erlebte. „Wir sind Zuhause geblieben und haben abgewartet. Die Gringos wollten ja nur Noriega und seine Schergen, die Zivilisten haben sie in Ruhe gelassen.“ Der Tod des Ex-Diktators Manuel Noriega hat mich auch in das Taxi von José geführt.

Auf der Suche nach Überbleibseln des panamaischen Escobars und Sinnbild eines lateinamerikanischen Militärdiktators war ich durch die Straßen Panamas gezogen. Die Altstadt glänzt an vielen Ecken mit seinem maroden Charme auf, der ein bisschen an Manaus und den Kautschukboom erinnert. Überall trifft man auf koloniale Historie oder auf den übermächtigen Kanal und seine französischen und US-amerikanischen Erbauer. Aber über die Invasion, über die Diktatur oder über die Opfer Noriegas erfährt man nichts.

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©Stephan Kroener

Touristentouren auf den Spuren Pablo Escobars

Während man nur eine Flugstunde entfernt in Medellín Touristentouren auf den Spuren Pablo Escobars anbietet, wird sein panamaischer Kompagnon in seinem eigenen Land sogar noch nach seinem Tod totgeschwiegen. Noriega starb vergangene Woche im Alter von 83 Jahren nach einer Tumoroperation. Sein Leichnam wurde verbrannt und die Urne mit den sterblichen Überresten seiner Familie übergeben. Es gab keine offizielle Kundgebung, kein Begräbnis, nichts. Während Pablos Trauermarsch in Medellín tausende anzog und auch heute noch Blumen an seinem Grab abgelegt werden, löste sich Noriega in Luft und ein Häufchen Asche auf.

Das Böse zieht an und so versteht man auch den durch die Netflix-Serie Narcos angeheizten Hype um die Geschichte des Narcotráfico in Kolumbien. Vergleichbar mit dem was amerikanische Touristen in Berlin hören und sehen wollen, Geschichten zum Naziterror, das Grenzregime der Mauer und den Schreibtisch von Mielke. In Kolumbien wird die Anziehungskraft des Bösen touristisch ausgeschlachtet wobei es aber abseits der Touristenströme auch Erinnerungsorte für die Opfer gibt. In Panama hingegen scheint es keine Aufarbeitung und keine Erinnerungskultur zu geben, weder im positiven noch im negativen Sinn.

Escobar und Noriega

Dabei gibt es durchaus reale Bezugspunkte zwischen Escobar und Noriega. Die beiden arbeiteten eine Zeitlang zusammen. Escobar bezahlte mehrere Millionen Dollar, um in Panama Drogenlabore und Routen aufbauen zu dürfen. Nach dem Mord an dem bekannten kolumbianischen Justizminister Rodrigo Lara Bonilla, flüchtete Escobar mit Kind und Kegel über Nicaragua nach Panama. Noriega gewährte im Schutz und hospitierte die Entourage Escobars in Luxushotels. Escobars Tochter kam 1984 in Panama-Stadt zur Welt und soll auch bis heute noch einen panamaischen Pass besitzen.

Doch die beiden spielten ein falsches Spiel. Sie betrogen sich gegenseitig und es kam zum Bruch. Auch weil Noriega mit und gegen alle paktierte, wie es ihm gerade passte. Er arbeitete für die CIA und die DEA, mit den Contras und den Sandinisten, mit Fidel Castro und vielen mehr. Escobars Sohn Juan Pablo Escobar veröffentlichte vor ein paar Jahren seine Sicht auf den Vater und Drogenbaron. Auch Noriega kommt darin vor und Escobar junior meint, dass dieser durchaus Angst vor der Macht seines Vaters und des Medellín-Kartells gehabt haben soll.

Eine weite Gemeinsamkeit verbindet die beiden Narcohändler. Beide stammten aus einer armen Familie und häuften aufgrund ihrer Drogengeschäfte ein riesiges Vermögen an. Mein Fahrer José scheint in einem Zwiespalt zu Noriega zu stehen: „Klar, Panama war sicherer, es gab keine Kriminalität, außer der Noriegas“. Ähnlich wie Escobar half Noriega seiner Klientel, „mit den Armen hat er sich nicht angelegt, jeder der arbeiten wollte, bekam einen Job“.

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José, mein sprachgewandter Taxifahrer ©Stephan Kroener

„Hurensohn, Mörder und Narcodictador“

Trotzdem war er ein „verdammter Hurensohn und Mörder, ein Narcodictador“ wie sich José ausdrückt. Mir kommt der Spruch Roosevelts über den ehemaligen nicaraguanischen Diktator Somoza in den Sinn: „Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn“. Bei unserer Tour durch Panama-Stadt steigen immer wieder Leute zu, die ein paar Straßen mitfahren. Einige erzählen ihre Sicht auf die Dinge, andere Nicken nur stumm zu dem was José sagt, wieder andere scheinen nicht interessiert oder wollen vermeiden sich zu positionieren.

Da ist zum Beispiel Jaime, der einsteigt, als es gerade wiedermal zu regnen anfängt. Sein Vater arbeitete im Militär und für den Geheimdienst. „Damals eine Pistole zu tragen und nicht für Noriega zu arbeiten, galt als Todesurteil wenn sie dich erwischten“. Unzählige wurden verschleppt, gefoltert und verschwanden in den Kerkern oder wurden anonym verscharrt.

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Ein Bild vom Kanal muss sein ©Stephan Kroener

Die Invasion als Befreiung?

Doch es gibt keine Gedenkstätte und auch keine Erinnerungskultur in Form von Feiertagen oder Aufmärschen. Jedenfalls scheint diese in diesem unrepräsentativen Querschnitt durch die panamaische Bevölkerung, den ich während meiner Taxifahrt erlebte, nicht zu existieren. José fuhr mich zu einigen ehemaligen Kasernen. „Zuerst bombardierten die Amis die Flughäfen, damit Noriega nicht mehr entkommen konnte, dann kamen die Kasernen und Militärbasen dran.“ Die US-Amerikaner hatten eigene Stützpunkte im Land, vor allem um den strategisch wichtigen Kanal zu schützen. Auf diese Militärmaschinerie setzen sie und konnten kurz vor Weihnachten 1989 binnen Tagen das ganze Lande besetzen.

„Die Armee floh quasi sofort, die Soldaten zogen ihre Uniformen aus und warfen die Gewehre weg.“ Die US-Amerikaner waren nicht zimperlich mit den Militärs, „zu den Zivilisten waren sie freundlich, wir haben sie als Befreier empfangen“. Die Opferzahlen gehen weit auseinander. Das US-Militär geht von knapp über 500 andere Organisationen bis weit über 3000 getöteten Menschen aus. Sicher ist, dass bei der Invasion viele Zivilisten starben, aber nur 23 US-Soldaten.

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Die Apostolische Nuntiatur, in der sich Noriega versteckte ©Stephan Kroener

Bibel und Heavy-Metal

Es kam zu Plünderungen erzählt mir Maira, die sich lebhaft ins Gespräch einmischt, „Geschäfte und Supermärkte wurden ausgeräumt“. Auch das Haus von Noriega wurde geplündert. „Die Amis haben ihn überall gesucht, natürlich auch Zuhause bei ihm, aber da war er nicht“. Die US-GIs brachen die Tür seiner Villa in einem reichen Vorort von Panama-Stadt auf, ließen diese aber dann unbewacht und so konnten sich der Volkszorn und die Nachbarn bedienen.

Noriega versteckte sich unterdessen in der Apostolischen Nuntiatur in Panama-Stadt. Die Kirche hielt lange zu ihm und sogar noch während seiner Haft unterhielt Noriega enge Kontakte zum Klerus. José fährt mich vor das Gebäude des Vatikans mitten im Stadtzentrum. „Hier war alles voll mit GIs, die haben keinen mehr durchgelassen. Es gab keine Polizei mehr, nur noch Gringos“. Die US-Besatzungstruppen umzingelten die Botschaft des Heiligen Stuhls und während Noriega die Bibel studierte beschallte das US-Militär ihn nach bester Art psychologischer Kriegsführung mit Heavy-Metal-Musik, die er hasste.

Es wurde verhandelt und nach knapp zwölf Tagen verließ Noriega Panama in Richtung US-Bundesgefängnis in Miami. Über 17 Jahre war er dort in Haft, bis er schließlich an Frankreich ausgeliefert wurde, wo er ebenfalls eine mehrjährige Gefängnisstrafe wegen Geldwäsche verbüßte, bis er schließlich 2011 und bis zu seinem Tod in Panama in einem Hausarrest ähnlichen Vollzug lebte.

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Das ehemalige Haus Noriegas ©Stephan Kroener

Das blaue Ananasgesicht 

José hält an dem Tor zur einstigen Villa des Diktators. „Vor einigen Jahren wurde sie abgerissen“. Offizieller Grund war akuter Insektenbefall. Es gibt nicht viel zu sehen, eine fleckig grüne Wiese, Abfallreste und ein rostiges Zugangstor. Die Nachbarschaft gehört der oberen Mittelklasse an, zum größten Teil ist es dieselbe Elite wie zu Zeiten Noriegas. Einige der Nachbarn, so meint José, waren auch hochrangige Gefolgsleute von Noriega. Heute wollen anscheinend viele dieses Erbe loswerden, an mehreren Zäunen hängen „For-Sale“-Schilder.

„Das Grundstück gehört noch seinen Töchtern, die auch gleich nebenan wohnen“. Noriegas Töchter leben unbehelligt und vom Erbe ihres Vaters in Panama. José nimmt sie in Schutz, „sie können ja nichts für ihren Vater und das Geld hat er ja auch irgendwie erarbeitet“. Josés ambivalente Aussagen zum ehemaligen Diktator nehmen teilweise tragisch-komische Züge an. Der Nobelpreisträger und Kolumnist der spanischen EL PAÍS Mario Vargas Llosa weist in seinem lesenswerten Artikel zum Tod Noriegas auch auf die Shopping-Exzesse der Noriega-Sprösslinge hin, die immer noch das Geld ihres Vater in den teuersten Geschäften der Rue Saint Honoré in Paris verprassen würden.

An einer Mauer des ehemaligen Noriega-Grundstückes prangt eine blaue Ananas. „Dafür hätte er dich früher direkt und persönlich erschossen“. Im Volksmund wurde der Diktator aufgrund seiner Aknenarben Cara de Piña, Ananasgesicht genannt. „Es gab viele Witze über ihn, eine Zeitlang sagte man auch Cara de Añip, bis der Geheimdienst darauf kam, dass das nur das umgedrehte Wort für Cara de Piña war“. José lacht, seine Erinnerung scheint durch die Tour wieder belebt und ich sehe ihn nachdenklich in seinem Taxi anfahren, nach dem er mich am Flughafen abgesetzt hatte, von wo ich die ehemalige Narcodictadura wieder Richtung ehemalige Narcodemocracia verlasse.

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