Bericht aus dem Kriegsgebiet der Gentrifizierung

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©Stephan Kroener

Das Mädchen kommt aus einer der Balkontüren. Schließt sie vorsichtig, steht drei Schrecksekunden davor und öffnet sie dann noch mal genauso vorsichtig. Langsam zieht sie ihren Kopf wieder aus der Türöffnung und lässt das Schloss zuschnappen. Sie geht die ersten Schritte behutsam, wird dann schneller und verschwindet im Treppenhaus, um nur kurz darauf im unteren Stockwerk wieder schreiend und drauflos hüpfend aufzutauchen.

Wäre nicht das Mädchen und ihr unterschiedlicher Gemütszustand, könnte man die beiden Stockwerke nicht unterscheiden. Sie sind beide gleich schäbig und stolz in ihrer Armut. Der Regen, der auf ihr Zinkdach fällt, hört sich in Mexiko nicht anders an als in Kolumbien. Und auch die zwei Palmen die über ihren Dächern thronen, könnten so auch in Miami oder Cartagena stehen. Die Fensterläden und Verandatüren erinnern dabei an vergangenen US-amerikanischen Tropenimperialismus, dessen markante Markennarben überall in der Karibik und darüber hinaus ihre Spuren hinterlassen haben. Würde man nicht aus Reflex im Hintergrund einen Schiffskran vermuten, wäre man nicht sicher, dass man sich im Land des Kanals befindet.

Berlin, Brooklyn oder Bogotá

Doch auch hier findet gerade eine Gentrifizierungsprozess statt, anders, aber genauso geistlos und offensichtlich und mit den gleichen Folgen für seine Bewohner wie in Berlin, Brooklyn oder Bogotá. Während im Schützengraben der Gentrifizierung in Neukölln noch erbittert mit Transparenten und linken Sprüchen gekämpft wird, verlassen die Menschen hier stoisch ihre urbane Heimat.

Man lebt in Schubladen und man denkt in Schubladen. Ein Fenster, eine Tür trennen die jeweiligen Wohnungen, mehr Platz braucht ein Leben, eine Geschichte nicht. Zwischen vier Wänden spielt sich die ganze Tragik und Komik einer lateinamerikanischen Telenovela ab, die in Echtzeit Bild in Bild über den Bildschirm flackert. Die Kabel für den Strom des Lebens hängen von der Decke und reichen sich gekrümmt zwischen den Lamellen die Hände und in die dunklen Zimmer hinein.

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Der Patio zwischen den Fronten ©Stephan Kroener

Die Schatten der vormaligen Bewohner

Im Patio stehen zwei dieser Wände eines herausgebrochenen Lebens. Aus der Vogelperspektive lassen sich im Boden noch die Umrisse der Zimmer erkennen, fast auch noch die Schatten der vormaligen Bewohner. Der Putz bröckelt und die Farbe platzt von den Fensterläden. In manche Wände wurden Herzen gekratzt oder auch die ersten kindlich unsauberen Buchstaben. Es gibt kein Graffiti, zu teuer sind die Sprühdosen und zu sinnlos erscheint das Aufgebären gegen einen zu mächtigen Feind, dessen schöne blaue Augen sich aus den gegenüberliegenden Fensteröffnungen schon gierig über die Balkonbrüstung beugen.

Die markante Trennungslinie ist der Patio, urbanes Sperr- und Kriegsgebiet im Kampf der Welten um und gegen die Gentrifizierung. Fein säuberlich getrennt leben die Bewohner der einen von der anderen Welt. Die flüchtige, schnelllebige eines Backpackerhostels, das sich krakenhaft auf die umliegenden Häuser und Wohnungen ausbreitet, und die alte, übriggebliebene, aber in den Sog der anderen geratene Welt. Wie ein Schiffsbug schiebt sich bereits das Fundament eines Neubaus gegen die grauen Wände der einstigen Besitzer. Die gehen währenddessen ihrem Leben nach und werden dabei fleißig von den Touristen bestaunt.

Eine voyeuristische Annäherung

Es wirkt wie die Besichtigung eines modernen musealen Showrooms, nur mit echten Menschen und Schicksalen. Eine voyeuristische Annäherung im Stile des Klassikers „Fenster zum Hof“. Man schaut sich die Balkone der gegenüberliegenden Welt an, sieht ihre Bewohner aus den dunklen Öffnungen kommen und kommt selbst aus sicheren 20 Metern Entfernung mit der anderen Realität des Landes in Kontakt. Einige der fahlen Türen haben Vorhängeschlösser oder Gittertüren. Nasse Kleidung und Turnschuhe hängen zum Trocknen im Regen, auf beiden Seiten. Während aber auf der einen Hälfte Pflanzen in Töpfen und Kübeln wachsen, sprießen sie auf der anderen Seite nur aus dem Beton des Balkons.

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Der Showroom ©Stephan Kroener

Blitzende Feuerlöscher mit englischer Erklärung stehen auf jedem der drei Stockwerke des Hostels. Auf der anderen Seite glänzen sie nur durch Abwesenheit. Würde es brennen, würde man den Unterschied noch deutlicher im Feuerschein erkennen und die Gentrifizierung würde noch mal im wahrsten und traurigsten Sinne angeheizt.

Es ist ein schleichender Prozess. Einige Fensteröffnungen und Türen sind schon zugemauert. Er scheint hier so still abzulaufen, dass man sich vorstellen könnte, dass einige Bewohner auch hinter den Mauern vergessen worden sein könnten, seien sie jetzt zugemauert oder noch nicht. Doch wie überall auf der Welt, tritt man auch in Lateinamerika von oben nach unten. So kann man sich ausmalen, vor wem das kleine Mädchen der getretenen Bewohner Angst hat.

 

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2 Gedanken zu “Bericht aus dem Kriegsgebiet der Gentrifizierung

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