Babyboom bei den FARC: Im Krieg gezeugt, im Frieden geboren

Fortsetzung des Blogs „Clash of Cultures im Guerillacamp der FARC

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Auf verschlungenen Pfaden bei den FARC, ZVTN Macarena ©Stephan Kroener

Ich schälte mich langsam aus der Gesprächsrunde und folgte den geschlungenen Pfaden durch das Guerillacamp.  Seit drei bis fünf Monaten leben die meisten der etwa 300 Guerilleros nun hier in der Macarena und immer noch sind die von der Regierung versprochenen Häuser nicht fertiggestellt. Zivilisten haben keinen Zutritt, Presse- und Studentengruppen werden gerne empfangen. Im Eingangsbereich gibt es ein provisorisches Besucherzentrum, in dem sich Familienangehörige und Freunde mit den jetzt Ex-Guerilleros treffen können.

Diese kommen aus den unterschiedlichsten Einheiten, denn die Wahl in welches der 26 Entwaffnungs- und Wiedereingliederungszentren ein jeder gehen wollte, wurde den Guerilleros freigestellt. Die meisten entschieden sich deswegen für die Region, in der sie aufgewachsen waren oder in der ihre Familien leben, einige folgten auch dem Partner, den sie in der Guerilla gefunden hatten (ja, auch die Liebe macht vor Krieg keinen Halt).

Teddybären statt AK-47

Ich treffe Sandra. Sie ist Anfang bis Mitte zwanzig und führt mich freundlich und mit einem offenen Lächeln durch ihre Welt, die gar nicht so aussieht, wie man sich ein Guerillacamp vorstellt. Die Zelte ähneln eher kleinen Zimmern. Sie sind ordentlich, die Betten werden immer noch militärisch akkurat gemacht. Aber sie sind bunt, an manchen Wänden hängen kitschig überzogene Poster und Teddybären sitzen in den Ecken. Man sieht keine Waffen, obwohl diese noch nicht abgegeben wurden, auch Uniformteile sieht man wenige. Die meisten Guerilleros tragen nur noch die praktische Uniformhose und die obligatorischen schwarzen Gummistiefel, meistens für die Arbeit.

Denn sie bauen ihre eigenen Häuser. Dabei lernen sie gleichzeitig nützliche Arbeiten für das Zivilleben. Außerdem ist Langeweile für eine militärische Organisation gefährlich. Es gibt bereits einige Absatzbewegungen von Guerilleros, die sich eigenmächtig Dissidentengruppen anschließen oder von diesen mit horrenden Ablösesummen regelrecht abgekauft werden. Doch die meisten der etwa 7000 Guerilleros halten sich an das von der FARC-Führung und der Regierung Santos im November unterzeichnete Friedensabkommen.

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Sandra vor ihrem Reihenhaus ©Stephan Kroener

Häuser in Reih und Glied

Zu diesem gehören auch die Gerippe der Häuser, die seitlich unterhalb der Zelte stehen. Sie ähneln Miniaturreihenhäusern, nur der Vorgarten mit Gartenzwerg fehlt. Jedes „Haus“ ist eigentlich nur ein kleines, vielleicht 10m² großes Zimmer, für jeweils einen Guerillero oder Guerillera. In Doppelreihen zu je neun Zimmern formen sie einen Gebäudekomplex. Sandra zeigt mir ihres, das schon fast fertig ist. An der hinteren Zimmerseite kann man eine Türöffnung erkennen. Sandra erklärt mir strahlend „mein Freund wird auf der anderen Seite in die Wohnung einziehen.“

Es ist ihre erste eigene Wohnung, seit sie vor knapp zehn Jahren von Zuhause weg ist und in die Reihen der FARC trat. Aus diesen Reihen formieren sich nun nicht zufällig Reihenhäuser, die in ihrer Uniformität und ihrem Konformismus der militärischen Struktur der Guerilla ähneln. Die Stärke der FARC war immer schon ihr militärischer Zusammenhalt, der auch in Friedenszeiten in einer politischen Partei erhalten bleiben soll.

Familienplanung statt Schwangerschaftsabbrüche

Ich frage Sandra nach einem Anbau für ein Kinderzimmer. „Das ist noch nicht in Planung“ lacht sie, aber ganz pragmatisch denkt sie laut, „das Baby kann ja erstmal bei mir schlafen.“ 90 der 300 Guerilleros die in dem Camp leben, sind Frauen. Vier von ihnen sind in den letzten Monaten Mutter geworden, mehrere weitere werden ihnen folgen. Und auch da treffe ich wieder auf das Thema Mono Jojoy, dessen lebendes Abbild uns anfangs willkommen geheißen hatte.

Denn Mono Jojoy war es, der ins Militärreglement der FARC die verordnete Schwangerschaftsverhütung einführte (und daraus folgend die Schwangerschaftsabbrüche). Mit vielen Guerilleras habe ich bereits über dieses sensible Thema reden können. Keine wollte über die erzwungenen Abtreibungen sprechen, die meisten kauten den offiziellen Guerilladiskurs wieder: „Eine Guerillera weiß worauf sie sich einlässt, wenn sie in die Reihen der FARC tritt. Es wird einem erklärt, dass Kinderkriegen in der Guerilla nicht möglich ist“ und so weiter.

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Make love not war, Guerilla-Paar in El Diamante ©Stephan Kroener

Der Menstruationszyklus in der sozialistischen Planwirtschaft 

Und es gibt sicher viele militärische Gründe die ein solches Statut rechtfertigen (auch wenn sie für uns unverständlich bleiben), aber ein vierzehn-, fünfzehnjähriges Mädchen wird sich der weitreichenden Entscheidung wohl kaum bewusst sein. Die Verhütung wurde von den Kommandanten und den medizinischen Verantwortlichen beaufsichtigt und sexuelle Verhältnisse mussten den Vorgesetzen gemeldet werden. Zwei Tage pro Woche durften Paare jeweils zwei bis drei Stunden in ihren Zelten zusammen sein. So wusste die Leitung der Guerilla immer über den biologischen Zyklus einer jeden Guerillera genauestens Bescheid. Auch so funktioniert sozialistische Planwirtschaft.

Doch seit dem Ende der Kampfhandlungen wurde auch das militärische Reglement ausgesetzt. Dies bedeutete, dass die Guerilleras wieder frei über sich und ihren Körper entscheiden konnten. Viele erfüllten sich den Kinderwunsch und so spricht man bereits vom Babyboom der FARC. Die kolumbianischen „Wendekinder“ stehen symbolisch für die Hoffnung eines ganzen Landes. Mit dem Frieden wächst so auch eine neue Generation heran, vielleicht die erste, die in einem nahezu friedlichen Kolumbien aufwachsen wird.

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Andrés unter den wachsamen Augen seiner Mutter ©Stephan Kroener

Andrés verändert die Welt

Schon auf der letzten Gesamtkonferenz der FARC im El Diamante, zu der ich als freier Blogger geladen war, hatte ich schwangere Guerilleras gesehen. Jetzt sehe ich sie stillen und ihre Babys im Arm tragen. Jeder Vater und jede Mutter wird mir zustimmen, dass Kinder die Welt verändern, vor allem für einen selbst. Im Camp wird mir Andres vorgestellt, sechs Monate jung und diese hat er fast gänzlich mit Guerilleros als Babysittern verbracht. Andrés‘ „Kinderzimmer“ sieht denen anderer Kinder in Kolumbien wohl nicht unähnlich. Winnie the Pooh, Ninja Turtles oder vielleicht auch mal Cars auf Kinderwiege und –wagen. Nur das um sein Spielzeug die obligatorisch türkisfarbene Zeltplane aufgezäunt steht.

Es wird ein Jahrhundertbild werden, wenn seine Mutter in den nächsten Monaten mit ihm im Arm ihre Ak-47 abgeben und ihre Mutterschaft ohne Waffen antreten wird. Leider nur im Gedächtnis der Anwesenden, denn es gilt ein striktes Fotoverbot bei der Waffenabgabe, um dem Staat kein propagandistisches Bild der Unterwerfung zu schenken. Viele Presseagenturen bieten den Guerilleros schon Geld dafür, im Geheimen ein Foto bei der Abgabe der Waffen zu schießen. Auch diese aggressive Annäherung des Kapitalismus ist leider Teil des Lernprozesses und Übergangs der Guerilleros ins „friedliche“ Zivilleben.

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Johnny und Aníbal ©Stephan Kroener

Johnny in Aníbals Händen

Johnny ist gerade in einem anderen Lernprozess und eher im Übergang vom Krabbeln zum Laufen. Bald wird er womöglich mit seinen Eltern zum Medizinstudium nach Kuba aufbrechen und da wohl einen anderen Kapitalismus kennenlernen. Er spielt gerade mit Aníbal, dem beide Hände bei dem Bau einer Miene abgerissen wurden. Ungeschickt versucht er mit ihm abzuklatschen und seine kleinen Hände tasten dabei den Stumpf Aníbals rechten Arms ab. „Unfälle“ und Verletzungen dieser Art sind keine Seltenheit bei den FARC. Oft sind unvorsichtige Fehler dafür verantwortlich, oft aber auch gezielte Sabotage durch das kolumbianische Militär. So wurde Aníbal vom Täter zum Opfer dieser hinterhältigen Waffe.

Für Johnny scheinen die Armstümpfe etwas ganz normales zu sein. Seine Eltern Ever und Gina sind Chirurgen bei der FARC. Sie haben schon dutzende Operationen durchgeführt, ohne jemals Abitur gemacht, geschweige denn eine Universität besucht zu haben. Wenn alles klappt, werden sie dies aber im immer noch realexistierenden Tropensozialismus nachholen. Auch dies wird ein Thema in Kolumbiens Postkonflikt werden. Denn bisher wurde noch nicht ausreichend diskutiert, wie Fähigkeiten, die in der „Schule“ der FARC – im Konflikt – gelernt wurden, vom Staat offiziell anerkannt werden können, damit den Ex-Guerilleros ein ziviles Berufsleben fernab von den Waffen ermöglicht werden kann.

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Emilie und Johanna ©Stephan Kroener

Emilie und das Geschrei der Anderen

Als jüngstes Mitglied der Guerilla liegt die erst zwei Wochen alte Emilie in den Armen ihrer Mutter Johanna. Johanna ist 27 Jahre alt, zwölf davon hat sie in der Guerilla verbracht. Emilie war kein Wunschkind, die Antibaby-Injektion muss wohl beschädigt gewesen sein. Doch sie hatte Glück, denn das Militärreglement galt nicht mehr. So gesehen, sind die Unterzeichner des Friedensvertrages auch die Väter Emilies. Ihr biologischer Erzeuger ist nicht in diesem Camp, sondern auf „Mission“ wie ihre Mutter erklärt, was das bedeutet, will und muss sie mir nicht verraten.

Emilie schreit nicht, „sie ist sehr ruhig“ sagt ihre Mutter „fast schon friedlich“. Vielleicht hat sie im Bauch ihrer Mutter schon mitbekommen, dass der Krieg und das Geschrei vorbei sind. Ich frage Johanna, ob sie Emilie – wenn sie älter ist und es wieder zu einem bewaffneten Konflikt kommen sollte – zur Guerilla gehen, sie in den Krieg ziehen lassen würde. „Es war meine Entscheidung mich der Guerilla anzuschließen, es ist ihre es zu tun oder bleiben zu lassen, dass kommt auf die Umstände an und jeder muss dies allein entscheiden.“ Man kann nur hoffen, dass der Frieden in Kolumbien nicht seine eigenen Kinder frisst.

Fortsetzung „Wie ich für eine Mutter einen toten Guerillero suchte“ folgt  

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3 Gedanken zu “Babyboom bei den FARC: Im Krieg gezeugt, im Frieden geboren

  1. Hallo Stephan,

    danke für die Fortsetzungen – diese finde ich fast noch spannender als die anderen beiden Texte! Meistens gibt es über die FARC und ähnliche Gruppierungen ja nur reine Nachrichten, politische oder wissenschaftliche Abhandlungen und propagandistische Inhalte von zwei Seiten…. Aber dieser Blick ins Alltagsleben, das ist wahnsinnig spannend. Chapeau, auch für die gelungene Gratwanderung zwischen Sympathie für deine GesprächspartnerInnen und kritisch-neutraler Außenperspektive!
    *Chapeau!*

    Gefällt 1 Person

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