Clash of Cultures im Guerillacamp der FARC

Fortsetzung des Blogs „Mit dem Rosinenbomber zur FARC

Dairo hat sich die Haare schneiden lassen, er trägt sie jetzt wie in Medellín, ein elegant gegelter Vokuhila, der oft auch von den jugendlichen Sicarios (Auftragsmördern) aus der antioquenischen Unterschicht getragen wird. Doch Dairo will nicht mehr kämpfen, seine Waffe trägt er nicht mehr bei sich, sie liegt jetzt halb eingemottet in seinem fast schon luxuriösen Zelt, das eher an Gaddafi erinnert als an das offene Cambuche (Zelt) aus der Zeit im El Diamante.

Dort in den Llanos de Yarí im Südosten Kolumbiens traf ich ihn zum ersten Mal. Ich war als freier Blogger auf die X und letzte Gesamtkonferenz der FARC eingeladen worden. Dairo war Mitglied des Frente 15 im Bloque Oriental und bereitete sich mit seinen Kameraden auf das Ende des über 50-jährigen Konfliktes vor. Seinen Hund hatte er damals schon und er hört auch heute immer noch nicht auf Befehle.

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Dairo noch mit „ordentlichem“ Haarschnitt in seinem Cambuche in El Diamante ©Stephan Kroener

El Loco Iván

Sein Herrchen scheint bis auf die Haare aber noch ganz Teil der Befehlsstruktur der FARC zu sein. Er ist ein kleines Rädchen im großen Getriebe der ehemals mächtigsten und ältesten Guerillabewegung Lateinamerikas. Und das Getriebe läuft und läuft, denn Die FARC existiert noch, nur eben „nur“ noch als politische Organisation, ihre militärische Befehls- und Kommandostruktur scheint auch noch zu funktionieren, obwohl es bereits gefährliche Auflösungserscheinungen gibt. Ihre Ideologie ist allgegenwärtig in dem kleinen Camp der „ZVTN Urías Rondón“ (Zona Veredal Transitoria de Normalización z.dt. kurz Übergangszone), aber sie kämpfen nicht mehr mit Waffen für sie.

Dairos Kommandeur ist El Loco Iván (der Verrückte Ivan). Auch ihn kenne ich schon aus El Diamante, damals war er für die Logistik der Konferenz zuständig und fuhr immer mit einem roten Quad herum. Sein Humor ist tiefschwarz und giftig ansteckend. Wahrscheinlich wird er deswegen „verrückt“ genannt, vielleicht aber auch, weil er bereits zweimal aus kolumbianischen Hochsicherheitsgefängnissen ausgebrochen ist. Einmal grub er einen Tunnel, ein andermal wurde er sprichwörtlich rausgebombt. 30 Jahre kämpft er bereits bei den FARC, zwölfmal wurde er angeschossen, davon sechsmal schwer. Sein eigentlicher Name ist Olivo Merchán Gómez und er sagt selbst, dass wenn ihn die Umstände nicht in diesen Krieg gezogen hätten, er ein weiterer einfacher Bauer geblieben wäre.

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El Loco Iván auf seinem Quad in El Diamante ©Stephan Kroener

Geliebt und gehasst 

Schon damals im El Diamante hat mich seine Ähnlichkeit zu seinem militärischen Ziehvater Mono Jojoy erstaunt. Dieser war einer der gefürchtetsten und zugleich beliebtesten Guerilleros in Kolumbien. Gefürchtet von weiten Teilen der kolumbianischen Zivilbevölkerung, denn er wird verantwortlich gemacht für hunderte Entführungen und die grausame Behandlung von Gefangenen. Auch blutige Anschläge und Überfälle auf Militäreinheiten ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung werden ihm zu Last gelegt sowie Auftragsmorde an Journalisten und Politikern etwa den Morden an mehreren Mitgliedern der Familie Turbay Cote. Er wurde dadurch in der kolumbianischen Öffentlichkeit zum Sinnbild für die Grausamkeit der FARC.

Geliebt wurde El Mono Jojoy aber von seinen Untergebenen, für die er eine Vaterfigur darstellte. Denn er sprach ihre Sprache, war einer von ihnen und seit jeher in der Guerilla und in der Region. Auf ihn soll der Gedanke zurückgehen, dass die Guerilla eine gut entwickelte medizinische Versorgung aufbauen sollte, nicht nur für ihre KämpferInnen sondern auch für die unter ihrem Einfluss lebende Zivilbevölkerung. Der Tod Jojoys bei einem Bombardement der kolumbianischen Luftwaffe im Jahr 2010 eben hier in der Macarena löste bei vielen Guerilleros ein tiefsitzendes Trauma aus.

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Die halbfertige ZVTN ©Stephan Kroener

Diese Kluft zwischen der offiziellen beziehungsweise (ver-)öffentlichen Sichtweise und der informellen und nur in Guerilla-Kreisen kursierenden Meinung über den Comandante, zeigt sehr schön die Wellen der Propagandaschlacht die auf beiden Seiten ausgefochten wurde. Das Kolumbien im Postkonflikt wird sich wohl auch mit der Erinnerungskultur der ehemaligen Feinde auseinandersetzen und die eigene korrigieren müssen. Dabei werden Heldenfiguren fallen und Schurkenbilder verschwinden. Beide Seiten werden dabei sicher auch emotionale Federn lassen.

Clash of Cultures

Das Aufeinandertreffen dieser beiden (Erinnerungs-)Kulturen a la Samuel Huntington konnte ich vor kurzem hautnah beobachten. Ich war mit einem Trupp von Professoren und Doktoranden der kolumbianischen Eliteuniversität Javeriana aus Bogotá angereist. Ihnen gegenüber saß nun eben das lebende und lachende Abbild Mono Jojoys, umgeben von einem halben Dutzend halb uniformierter Guerilleros. Von denen die meisten wie sie selbst sagten, nur die Schule der FARC  besucht hatten, sprich sie hatten wenig oder nie eine staatliche Schule von innen gesehen und alles was sie gelernt hatten, hatten sie durch und in der Guerilla gelernt.

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Guerilleros und Professoren ©Stephan Kroener

Aufgrund dieses bildungstechnischen Grabens erschien es beinahe lächerlich, wenn die gestandenen Professoren, die zum ersten Mal einen Guerillero vor sich hatten, den Kommandanten mit „mi compañero“ ansprachen (Genosse/ Kamerad). Eigentlich hätte Der „verrückte Ivan“ sie daraufhin mit „meine lieben Kollegen“ anrufen sollen. Aber den Graben kann man nicht dadurch überbrücken, dass man genüsslich im Diskurs des anderen watet. Es muss ein Verstehen und ein Austausch stattfinden, dann kann man auch beginnen die Erinnerung des einen mit der eigenen zusammenzubringen und zu verarbeiten. Dies wäre der erste und wichtigste Schritt hin zur Versöhnung.

Abgesehen von dieser diskurstechnischen Vereinfachung der Gegebenheiten konnte man bei den Teilnehmern erkennen, wie sich das Zusammentreffen auf sie auswirkte und einen Prozess der Annäherung auslöste. Ivan ratterte zwar seinen Willkommensdiskurs herunter, der teilweise ebenso platt und schon bekannt war, wie die vorsichtigen und oberflächlichen Ausführungen der Professoren. Doch waren beide Seiten anscheinend erstaunt über das zwar andere aber nicht unbedingt niedrige beziehungsweise überhöhte Bildungsniveau der Gesprächspartner. Trotzdem wird das Durchbrechen dieser Diskursbarriere wohl Aufgabe späterer Generationen bleiben.

Fortsetzung auf Babyboom bei den FARC: Im Krieg gezeugt, im Frieden geboren

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4 Gedanken zu “Clash of Cultures im Guerillacamp der FARC

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