Sexualisierte Gewalt: Yuliana und Maria Opfer des gleichen Täters

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In Memoriam – Künstler malten den Namen von Yuliana an eine Wand vor dem Gebäude, in dem ihr Vater arbeitete @CampamentoPorLaPaz

Zwei weit voneinander entfernte Ereignisse verstören seit letzter Woche Deutschland und Kolumbien. Sie haben beide wenig miteinander zu tun, bis auf den Umstand, dass es sich bei beiden um Gewalt gegen Frauen beziehungsweise Mädchen handelte und sie gewaltige Empörungswellen in den beiden Ländern hervorriefen.

In Kolumbien wurde am Montag der Fall der sieben Jahre alten Yuliana Samboni bekannt. Sie wurde in Bogotá auf offener Straße sonntagmorgens in einen Wagen gezerrt, entführt, vergewaltigt, gefoltert und stranguliert. Der Täter soll ein bisher nicht straffällig gewordener Architekt aus gutem Hause sein, der zum Tatzeitpunkt unter Drogeneinfluss gestanden haben soll.

In Deutschland wurde dagegen der Fall von sexualisierter Gewalt von jungen Flüchtlingen gegen Frauen diskutiert. Grund waren die Festnahme eines afghanischen Geflüchteten, der in Freiburg eine junge deutsche Studentin vergewaltigt und ermordet haben soll sowie der Fall eines irakischen Flüchtlings in Bochum, der verdächtigt wird, zwei chinesische Studentinnen vergewaltigt und misshandelt zu haben.

Feminicidios

Frauenmorde werden in Kolumbien als Feminicidios bezeichnet, also als Gewalttaten gegen Frauen aus dem alleinigen Grunde weil sie Frauen sind. Diese Gewalt wird mit dem kulturellen Machismo in der kolumbianischen Gesellschaft erklärt. Immer wieder kommt es zu Fällen, die nationale Bekanntheit erlangen. Wie zum Beispiel der Mord an Rosa Elvira Cely, die von einem Bekannten brutal vergewaltigt und ermordet wurde (Die Details möchte ich hier nicht beschreiben, um keinen Sensationalismus zu erlauben, aber es geht über die Vorstellungskraft von vielen von uns).

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Aktivistinnen der Bewegung Whipala schmücken en Mandala ©Stephan Kroener

Mit dem Mord an Rosa Elvira entstand eine landesweite Bewegung, die #NiUnaMas, die sich heute auch #NiUnaMenos nennt. An der Stelle im Parque Nacional in Bogotá, an der man ihren sterbenden Körper fand, befindet sich heute ein kleiner Garten in Gedenken an sie. Doch viel mehr hat sich in Kolumbien nicht geändert. Weder im Sprachgebrauch, noch im Umgang der Männer mit dem anderen Geschlecht. Der Machismo ist eine Gewaltkultur, wenn man es überhaupt als Kultur im eigentlichen Sinne bezeichnen kann. Patriarchalische Strukturen haben sich seit der Kolonialzeit erhalten und korrumpieren die Gesellschaft. Der más pilo, der más macho, der, der immer das erreicht was er will, egal mit welchen Mitteln, ist das traditionelle Männlichkeitsideal.

Höxter und Hameln

In Deutschland wird medial getrennt, in Sexualverbrechen von Flüchtlingen und von nicht Flüchtlingen. Vor einigen Jahren konnte man eine ähnliche diskursive Trennung noch bei den berühmten Ehrenmorden in muslimischen Gemeinden und den als Familientragödien bezeichneten Gewaltverbrechen in „deutschen“ Haushalten beobachten. Erst vor kurzem wurden die Fälle von Höxter und Hameln bekannt. Bei ersterem heißen die Täter Wilfried und Angelika, im letzteren Nurettin. Doch auch Olaf aus Niederkrüchten und Armin in Hamburg-Wandsbek handelten in einer Beziehungstat, welche ebenfalls in den Bereich des Feminicidio fällt.

Was bei den Namen auffällt? Nein, es sind nicht alle eindeutig muslimische oder afrikanische Namen. Aber es sind fast immer männliche Namen die in Beziehungs-, in Sorgerechtstaten oder in Sexualverbrechen verwickelt sind. Und dies gilt für Deutschland genauso wie für Kolumbien. Machismo und patriarchalische Strukturen sind überall auf der Welt vorhanden und ein gesellschaftliches Problem, ein Gewaltproblem. Der Mann wird schon von klein auf in eine Männlichkeitsrolle gepresst, die Gewalt und Dominanz vorlebt. Wer aus diesem Rollenverständnis ausbricht, gilt als „Schwuchtel“ oder „Marica“, egal ob homosexuell oder nicht.

Spuren der Gewalt

In Kolumbien genauso wie in den Ländern aus denen Flüchtlinge nach Europa kommen, hat die jahrzehntelange Gewalt Spuren hinterlassen. Diese Gewalterfahrung im Zusammenspiel mit dem allgegenwärtigen strukturellen Machismo führt zu den genannten Horrortaten. Dies darf keine Entschuldigung sein, aber es ist ein Erklärungsversuch. Gewalt kommt am deutschen Herd genauso vor wie an einer indigenen Feuerstelle. Doch sinkt die Hemmschwelle bei Menschen, die schon einmal Gewalt erlebt oder begangen haben.

Die meisten Taten sexualisierter Gewalt in Kolumbien, die es in die Medien schaffen, werden in den Städten verübt. Doch auf dem Land und vor allem in den vom Konflikt betroffenen Gebieten wird diese Form der Gewalt gegen Frauen (in weit geringerem auch gegen Männer) und die LGBTI-Community noch mal heftiger gelebt und gelitten. Dabei handelt es sich um eine geplante Kriegsführung, die den Gegner erniedrigen und bis ins innerste zerstören soll.

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Kundgebung zum Internationalen Tag für doe Beseitigung der Gewalt gegen Frauen ©Stephan Kroener

Todesstrafe und Abschiebung

In Kolumbien fordern viele die Todesstrafe für Kinderschänder und Frauenmörder, in Deutschland fordert man – zumindest für die muslimischer Herkunft – die Abschiebung. Beides ist verständlich, wenn auch vom Standpunkt eines Rechtstaates aus nicht zu verantworten. Die Wurzeln für diese Grausamkeiten liegen tiefer und müssen auch dort bekämpft werden.

In beiden Ländern lässt sich von meinen Erfahrungen her auch Positives berichten. Die Geschehnisse der Silvesternacht von Köln hatten zumindest zeitweise den Effekt, dass in Deutschland über sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigungen – auch im direkten Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund der Täter – gesprochen wurde.

Ich arbeitete damals in der Blogredaktion der Huffington Post. Wir starteten eine Aktion, bei der wir Frauen aufforderten ihre Erlebnisse mit männlicher Gewalt zu erzählen.Uns erreichten hunderte von Zuschriften. Ohne genau gezählt zu haben, beinhalteten die meisten Fälle von Vergewaltigungen oder Belästigungen, die sich in Familie, Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz abspielten.

Der dunkle Mann eine Randfigur

Auch in Kolumbien geht die Gewalt am häufigsten von Verwandten und Freunden aus. Den dunklen Mann im Wald gibt es, aber er ist in der Statistik eine Randfigur. Trotzdem ist die Empörung über Gewalt von Flüchtlingen – noch dazu an deutschen Frauen – weitaus größer, und ich finde sie verständlich und auch richtig. Richtig wäre aber diese Empörung auch auf Olaf und Armin auszuweiten. Nicht „Ausländer raus“ sondern „Machismo raus aus den Köpfen“ sollten wir rufen.

Machismo geht Hand in Hand mit Rassismus und sozialer Diskriminierung. Alle drei sind gleich(un)wertig und genauso schwer zu bekämpfen. Niemand ist vor diesen drei gefeit, weder Mann noch Frau, weder Gutmensch noch Protestwähler, weder Deutscher noch Kolumbianer. Und ich auch nicht. Es ist ein ständiger Lernprozess.

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Jugendliche in Bogotá ©Stephan Kroener

Gender-Ideologie und Gender-Wahnsinn

In Kolumbien stößt dieser Prozess nur allzu oft an seine Grenzen, wie auch die Proteste gegen frühkindliche sexuelle Erziehung und die als „Gender-Ideologie“ geschmähte Inklusion des von Experten als revolutionären Gender-Ansatzes im Friedensvertrag von Havanna gezeigt haben. In Deutschland sind ähnliche Tendenzen gegen „Genderwahnsinn“ von ultrarechten Protestparteien zu verzeichenen. Trotzdem gehen viele auf beiden Seiten des Atlaniks weiter auf die Straße und fordern #NiUnaMasNiUnaMenos oder #ausnahmslos. Der Feminismus, gedacht als ein Kampf aller Geschlechter gegen Machismo und Unterdrückung, nimmt in Kolumbien an Fahrt auf und auch in Deutschland wird er wieder aktiver diskutiert.

Yuliana und Elvira genauso wie Maria und die beiden jungen chinesischen Frauen sind Opfer des gleichen Täters egal welchen Namen und Hintergrund er hat. Die Bestrafung muss für alle gleich hart sein. Und ihr muss ein Umdenken folgen.

Zahlen und Fakten „Gewalt gegen Frauen“ der bff

Sexuelle Gewalt in Deutschland von tdf

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Transparent am Rathaus in Bogotá ©Stephan Kroener
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5 Gedanken zu “Sexualisierte Gewalt: Yuliana und Maria Opfer des gleichen Täters

  1. „Die Bestrafung muss für alle gleich hart sein“

    Machen Sie isch doch bitte nicht lächerlich.

    Sie haben in Ihrem ganzen blog dafür plädiert, dass man Entführungen von Kindern und Zuführung in die Prostitution oder Kriegsdienst straffrei stellen sollte.

    Kennen Sie wirklich keine Grenze?

    Die FARC ist ein streng homophober Verein.

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  2. Ein sehr spannender Ansatz, den du in diesem Artikel verfolgst ! „Machismo“ als weltweites gesellschaftliches Problem zu betrachten finde ich eine wirklich sinnvolle Herangehensweise. Vor allem ist es eine gute Möglichkeit, der Kulturalisierung von männlicher Gewalt entgegenzuwirken, die leider häufig stattfindet – also nach dem Motto: „Islamisch gesprägte Kulturen sind frauenfeindlich“, „Latinos sind sowieso alle Machos“. Damit machen es sich die Medien und die Gesellschaft viel zu einfach und vertuschen – absichtlich oder ungewollt – die Tatsache, dass es eben auch die christlichen, europäisch sozialisierten, heterosexuellen Täter gibt. Die meistens aus dem Familienumfeld stammen und eben nicht, wie so häufig vermittelt wird, nachts im Gebüsch sitzen um Frauen mit kurzen Röcken zu überfallen. Gratulation, ein sehr inspiererender Text – und toll bebildert!

    Nur eine winzigkleine Stilkritik:

    „In Kolumbien fordern viele die Todesstrafe für Kinderschänder und Frauenmörder“ – Der Begriff „Kinderschänder“ ist eine ziemlich unglückliche Hinterlassenschaft aus der NS-Zeit ( Ich empfehle dazu diesen wirklich klasse Text von Sacha Lobo, in dem er einen Tweet von SPD-Innenministers Reinhold Gall auseinandernimmt: http://saschalobo.com/2015/06/22/wie-man-nicht-fur-die-vorratsdatenspeicherung-argumentiert/)
    Aber, Kurzfassung – Kinder“schändung“ kommt von „Schande“ – also dass die Ehre eines Kindes durch den Missbrauch „geschändet“ wird. Eine ziemlich krude Vorstellung, dass Kinder gewissermaßen durch nicht korrekten Geschlechtsverkehr „beschmutzt“ werden. Wenn irgendwas schmutzig ist, dann diejenigen, die Kinder sexuell missbrauchen. Aber ich bis mir ziemlich sicher, dass du auch garnichts anderes als das damit aussagen wolltest.

    Und der Schlusssatz sollte wahrscheinlich so lauten, oder?
    „Niemand ist vor diesen drei gefei_t, weder Mann noch Frau, weder Gutmensch noch Protestwähler, weder Deutscher noch Kolumbianer. Und ich auch nicht. Es ist ein ständiger Lernprozess.“ (Es geht ja nicht um „feilen“ sondern um „gefeit“ sein. Sorry, für die Korinthenkackerrei)

    Ein guter Schluss, im Übrigen 😉

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    1. Hey, danke für die „Korinthenkackerrei“:) über das „gefeilt“ musste ich gerade gut lachen, aber ich feile eben noch an meinen Texten. Und Klasse der Text von Lobo. Über den Kinderschänderbegriff werde ich noch mal reflektieren, danke für den Artikel, es bleibt eben ein ständiger Lernprozess:)

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  3. Perdon, kleiner Korrekturnachtrag – wenn schon Klugscheißen, dann richtig 😉

    „Kinderschänder“ ist kein Nazi-Zeit-Begriff, sondern schon älter – dahinter steht die „gute, alte“ Vorstellung dass (Familien-)Ehre und Sexualität irgendwie miteinander zusammenhängen. Der Begriff wird aber, wie Lobo ausführt, besonders oft und gerne in neonazionalistischen Kreisen verwendet und gehört nicht zuletzt deshalb auf den Wörter-Friedhof: http://www.journalismus-handbuch.de/wen-schaendet-ein-kinderschaender-polemik-gegen-einen-unsaeglichen-begriff-friedhof-der-woerter-6807.html

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