Kolumbien: Ein Nobelpreis, der den Frieden bringen soll

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Präsident Santos bei seiner Ansprache zur Unterzeichnung des Friedensvertrages im November ©Stephan Kroener

Vor wenigen Stunden überreichte Berit Reiss-Andersen, Vizepräsidentin des Nobelpreiskomitees, dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis für sein Engagement im Friedensprozess von Havanna. Viele sehen die Verleihung an Santos kritisch, doch die meisten Kolumbianer und Analysten betrachten es als eine Ehre und ein positives Signal der internationalen Gemeinschaft für den Frieden in Kolumbien.

Santos hatte immer wieder verkündet, dass im Mittelpunkt der Verhandlungen mit den FARC die Opfer des Konfliktes stehen. Auch bei seiner morgendlichen Ansprache zur Annahme des  Friedensnobelpreis Anfang Oktober sprach er davon, den Preis in Vertretung aller Kolumbianer und vor allem der Opfer der Gewalt entgegenzunehmen. So war es auch nicht überraschend, dass er bei seiner heutigen Dankesrede wiederrum auf sie referierte.

30-köpfige Nobelpreisentourage

In seiner 30-köpfigen Nobelpreisentourage reisten insgesamt sieben bekannte Opfer des Konfliktes nach Stockholm. Sie stehen für Entführung durch die FARC (Íngrid Betancourt, Clara Rojas als direkt Betroffene und Fabiola Perdomo als Angehörige), Morde durch Paramilitärs (Pastora Mira García), Morde an MenschenrechtsverteidgerInnen (Héctor Abad Gómez), Liliana Pechené (Gewalt gegen Indigene) und Leyner Palacios (Massaker).

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Clara Rojas ©Stephan Kroener

Es gäbe noch viele Gründe und viele Opfer die man auch hätte einladen und nennen sollen. Deswegen möchte ich noch eine andere Liste nennen, die sich bis auf Palacios von der genannten unterscheidet. Anfang Februar wurde bekannt, dass ein norwegischer Abgeordneter den Guerillakommandanten Timochenko und Santos gemeinsam mit fünf Opfern des Konfliktes für den Friedensnobelpreis nominiert hatte.

Auf dieser Liste werden nach Palacios folgende genannt: José Antequera (Sohn eines der Opfer des Politicidio an der UP), Luz Marina Bernal (Mutter eines der Opfer der Falsos Positivos), Jineth Bedoya (Journalistin und Opfer sexualisierter Gewalt durch Paramilitärs) und Constanza Turbay (einzige Überlebende der Familie Turbay, die von den FARC aufgrund ihres politischen Engagements ausgelöscht wurde).

Alle von ihnen haben sich für Frieden und Versöhnung ausgesprochen. Und soweit bekannt, haben alle beim gescheiterten Plebiszit zur Annahme des Friedensvertrages vor gut zwei Monaten mit „SÍ“ gestimmt. Einen von Ihnen möchte ich hier kurz vorstellen, da ich ihn letzte Woche zufällig bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen sprechen konnte.

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Leyner Palacios beim Tag der Menschenrechte ©Stephan Kroener

Bojayá

Leyner Palacios stammt aus dem Chocó, einem seit langem durch den Konflikt betroffenen und vom Staat vernachlässigten Departamento an der Pazifikküste. 2002 geriet er zusammen mit seiner Familie zwischen die Fronten des Konfliktes. Rechte Paramilitärs besetzten und verschanzten sich in Leyners Dorf Bojayá gegen die vorrückenden linken Guerillas der FARC.

Weder Paras noch Guerilleros nahmen Rücksicht auf die zivile Dorfgemeinschaft und beschossen sich im Häuserkampf. Die meisten Bewohner suchten Zuflucht in der Kirche des Ortes. Bis zu 300 Menschen drängten sich in dem Gotteshaus, als eine von der Guerilla als Mörser benutzte Gasflasche, durch die Balken krach und explodierte.

79 Menschen starben – darunter viele Kinder – knapp hundert wurden verletzt. Es gilt als eines der verheerendsten Massaker in Kolumbien. Hauptschuld tragen dabei die FARC, die den selbstgebastelten Sprengkörper ohne ausgefeilte Zielfunktion ins Dorf feuerte, ohne dabei die Zivilbevölkerung zu schützen. Schuld tragen aber auch die Paramilitärs, die sich im Dorf verschanzten und so die Menschen indirekt als Schutzschild benutzten. Schuld trägt aber auch der Staat, der die Paramilitärs logistisch unterstützte und die Zivilbevölkerung nicht vor ihnen schützte.

Sinnbild des Konfliktes

So ist Bojayá zum Sinnbild des Konfliktes geworden unter dem vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Santos und die FARC baten unabhängig von einander um Entschuldigung bei den Hinterbliebenen. Palacios als Opfervertreter nahm diese auch an. Doch die Menschen in Bojayá wollen mehr, sie fordern Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Trotzdem stimmten 95,75% der Bewohner beim Plebiszit für den Friedensprozess.

Palacios verlor bei dem Masaker 32 Verwandte und viele Freunde. In einem Interview für El País meinte er: „No estamos preparados, pero sí dispuestos a hacer el ejercicio de perdonar.” Santos nannte ihn bei seiner Nobelpreisansprache beim Namen und als Beispiel für jemanden, der den Tätern vergeben habe (Lesen Sie hier die gesamte Rede). Palacios selbst befürwortet die Nobelpreisehrung für Santos und sieht sie auch als eine Anerkennung für die Arbeit von Opfern und Angehörigen, „die gegen weiteren Schmerz, Wut und Trauer sind, die sie durch den Verlust ihrer Lieben erlitten haben, und gerade das bedeutet aktive Friedensarbeit“.

Santos hat angekündigt, das Preisgeld von rund 830.000€ den Opferverbänden zur Verfügung zu stellen, damit diese sie für Projekte der Aussöhnung und Erinnerung verwenden. Auch Bojayá wird einen Antrag stellen, um die Gedenkstätte in der Kirche, dem Ort der Tragödie, auszubauen. „Wir sehen heute Bojayá als einen positiven Referenzpunkt bei der Sicherung und Materialisierung der Menschenrechte, aber es gibt noch viel zu tun.“

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„Kein Vergessen“ fordern MenschenrechtsaktivistInnen            ©Stephan Kroener

Mordserie an MenschenrechtsaktivistInnen

Palacios erinnert aber auch an die schwierige Zeit die mit der Implementierung des Friedensvertrages noch vor Kolumbien liegt: „Die Gewaltwelle gegen GemeindeführerInnen und MenschenrechtsverteidigerInnen muss gestoppt und aufgeklärt werden. Der Staat ist hier in der Pflicht alle Mittel zum Schutz der Menschen auszuschöpfen. Die bewaffneten Akteure müssen verstehen, dass wir in eine Aussöhnungs- und Friedensphase getreten sind, und dass es keinen Sinn macht, gerade die Menschen zu ermorden, die aktive Friedensarbeit leisten.“

Traurig klingt im Angesicht dieser Mordserie an MenschenrechtsaktivistInnen – allein in diesem Jahr wurden über 70 ermordet – das Bob-Dylan-Zitat, dass Präsident Santos bei seiner Nobelpreislaudatio gewählt hatte. „How many deaths will it take till he knows; That too many people have died? The answer my friend is blowin‘ in the wind“.

Lesen Sie hier, wie sich die Woche des Plebiszits und des Nobepreises auf Kolumbien ausgewirkt hat

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