Millionenschwere Panelas und traurige Sandalen

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Anfangs machten wir uns einen Spaß daraus, die vielen Flip-Flops und Gummisandalen zu zählen, die den Strand säumten. In jeder Form und Farbe konnte man sie finden. Wie bei einem Memoryspiel suchten wir Paare, konnten aber die Zugehörigen nie finden. Es waren unzählige, teilweise halb im Sand vergraben oder von Treibgut überlagert. Einige schienen lange im Wasser gelegen zu haben andere wie gerade erst aus dem Regal eines Geschäfts genommen.

Am nächsten Morgen berichteten wir Jhon-Henry von unserer Entdeckung. Wir wohnten seit ein paar Tagen in seinem Haus direkt am Strand. Morgens bereitete er uns immer freundlich gelaunt den ersten Kaffee zu. Seine ruhige besonnene Art war die eines jeden Küstenbewohners. Wahrscheinlich beruht diese Gelassenheit auf dem Wissen vom Kommen und Gehen der Gezeiten, an denen man nichts ändern kann.

„Ich lebe in einem Paradies“ hatte er uns an einem der ersten Tage gesagt „ich bin nie von diesem Fleckchen Erde weggekommen, und das will ich auch nicht, meine Brüder leben in der Stadt und sind nur gestresst. Ich dagegen habe keine Sorgen und immer das Meer vor Augen.“

Doch als wir ihm lachend von den vielen Badesandalen erzählten und scherzten, man müsste eine Fundación der Pies Descalzos (dt. Barfuß Stiftung) im Stile Shakiras hier aufmachen, wurde er ernst. Sein durch Meerwasser verjüngtes Gesicht, dessen braune Haut aber durch die Sonne gealtert schien, verzog sich dunkel und sein Lächeln verschwand. „Das was auf dem Meer passiert, bleibt auf dem Meer“.

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Wir schauten ihn überrascht an und fragten ihn was er damit meine. „Es scheint zwar, dass wir hier weit weg von eurer Zivilisation sind, aber das sind wir nicht. Das ist eine vielbefahrene Wasserstraße, ein Highway der Frachter. Panama und Zentralamerika sind von hier nicht weit. Viele Schiffe und noch mehr Waren nehmen diese Route, vom Narcotráfico bis zum Menschenhandel ist alles dabei. Man hört viele Geschichten über das, was da draußen abgeht. Sie bekämpfen sich untereinander und man entsorgt den Verlierer gleich auf hoher See.“

„Die Armada fängt auch oft Boote ab, aber nicht alle Mannschaften kommen wirklich in den Knast. Für mich ist das da draußen pure Gesetzlosigkeit und der Stärkere gewinnt. Wenn du da draußen gewollt oder ungewollt über Bord gehst, bist du verloren. Es werden wenige Leichen geborgen, das ist richtig. Die Sandalen sind das Einzige, was nach dem Mahl der Haie übrigbleibt und an den Strand geschwemmt wird.“

Er schenkte uns Kaffee nach und ließ uns mit unseren Gedanken allein. Von da an gingen wir den Strand mit anderen Augen ab. Jede verlorene Sandale hat seine Geschichte und kann eine Tragödie bedeuten. Nicht nur die Wale ziehen die Küste Süd- und Mittelamerikas hoch. Auch die Schlepper bringen ihre menschliche Ware freiwillig oder unter Zwang nach Norden.

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Sollte sich wirklich jemand dort draußen ins Meer stürzen? Vielleicht um vor einer Razzia der Armada zu flüchten und um eine Abschiebung zu verhindern oder auch um einem ungewollten Schicksal als Sklave in Haushalt oder Bordell zu entfliehen? Wir sind selbst eine Strecke mit dem Schiff gefahren. Das Ufer erscheint nah, aber im Wasser, nur wenige Meter vom Strand entfernt, bemerkt man die gefährliche Strömung, die auch für gute Schwimmer lebensgefährlich sein kann.

Wir zählten die Sandalen nicht mehr und zeigten jetzt nur noch stumm auf die ein oder andere. Wieder zurück von unserem traurigen Strandspaziergang diskutierten wir weiter mit Jhon-Henry: „Nicht nur der Menschenschmuggel geht hier vorbei, auch der Drogenhandel in die USA.  Wenn die Armada sich nähert, wird die Ware über Bord gekippt. Manchmal finden dann Fischer die Panelas, das sind Pakete, meistens zu je einem Kilogramm abgepackt und wasserfest in mehreren Lagen Plastik  und Panzertape verschnürt.“

„Aber kommen die, die das Zeug ins Meer gekippt haben, nicht später zum Strand, um ihre Ware wieder zu finden?“ fragten wir unseren Gastgeber. „Klar, deswegen sind die ja so gut verpackt und die Narcos sind ja auch nicht blöde. Jeder weiß, dass die Panelas theoretisch wieder an ihre „Besitzer“ abgegeben werden müssen. Wer das nicht tut, dem droht eine empfindliche und oft tödliche Strafe. Und wer so blöd ist, sie bei der Polizei abzugeben, wird doppelt bestraft. Erstens weil er nicht sein Glück genutzt hat und sich mit dem Zeug aus dem Staub gemacht hat und zweitens von den Narcos, weil er ihre Ware den Behörden übergeben hat.“

„Aber so manch schlauer Fischer konnte sein „Schäfchen“ sprichwörtlich ins Trockene führen. Die Panelas sind bis zu drei Millionen Pesos hier im Dorf wert, wenn man denn jemanden Mutigen und Vertrauenswürdigen findet, der einem das Zeug abkauft. Oder man fährt das Päckchen selber nach Panama. Dort kann man schon vier bis fünf Millionen und in Costa Rico noch mal mehr verdienen. Die ersten Häuser aus Beton hier im Dorf wurden mit diesem Geld gebaut, zum Beispiel der Billardsalon.“

So bringen die Drogenhändler ungewollt ein bisschen zivilisatorischen Wohlstand in diese abgelegene Gegend. Am Horizont ziehen die Schiffe vorbei. Sie teilen die Welt in das romantische Paradies mit seinem langen weißen Sandstrand und in das dunkle weite Meer, das ab und zu Fragmente einer traurigen Geschichte anschwemmt. Am Strand fanden wir weiterhin nur die leblosen Gummisandalen und keine millionenschweren Panelas. Trotzdem scheinen Glück und Tragödie am wilden Pazifik oft nah beieinander zu liegen.

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