La Cumbia sin la Guerra

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Festival Petronio Álvarez in Cali ©Stephan Kroener

Die Party dreht sich, das Festival geht zu Ende. Ein Menschenzug zieht sich unter den Schriftzügen des Petronio Álvarez hindurch und der selbstgebrannte Schnaps fließt mit den tanzenden Menschen in Strömen Richtung Ausgang.

Aus dem ganzen Menschenwust schaut ein blonder Lockenkopf, der der Menge den Takt gibt. Er hat eine Schelle in der Hand und wie der Rattenfänger von Hameln laufen ihm die Leute nach. Der blonde Exot hebt sich dabei stark von der ihm rhythmisch folgenden schwarzen Masse ab und sein frenetisches Lächeln erhellt die Gesichter. Der Schnaps vernebelt einem schnell die Sinne. Ein anderer Ausländer mit gegeelten Haaren nimmt den Tambourine Man auf die Schultern.

Die Menge schreit rhythmisch „los gringos, los gringos“. Zwei weitere nehmen Trompete und Saxophon vom Rücken und spielen drauflos. Aber den Spitzenrang des Tamburinemannes können sie ihm nicht mehr nehmen. Wir treiben weiter, eingekeilt zwischen fliegenden/fahrenden Händlern und Fressalien. Totes Fleisch und kaltes Bier und immer wieder flaschenweise Selbstgebranntes.

Irgendwo braut sich ein neuer Rhythmus zusammen und wie Treibgut wird man in seinen Strudel gezogen oder bleibt am Ufer der Schaulustigen hängen. Der Schweiß klebt und immer wieder berühren sich tanzend und ungeschützt Körper an Körper. Ein Lächeln und hypnotisches Lachen. „Vamos a bailar un Pacifico“

Das wichtigste Assesoir ist das weiße Taschentuch. Marimba. Auf einem der schweißdurchtränkten T-shirts  lese ich Valle, Sí a la Paz und das Bild der immer wiederkehrenden und nie bleibenden Friedenstaube. Kinder laufen zwischen den Beinen der Tanzenden, bieten Küssenden was Süßes oder den Kaugummi danach.

Den Trommelnden tropft der Schweiß auf das zermarterte Fell und die eigene Haut. Mit jedem Hieb fliegen kleine Perlen in alle Richtungen und werden doch von einem unerschöpflich erscheinenden Nachschub versorgt.

Warum muss man beim Anblick sich rhythmisch bewegender Menschen immer lächeln? Auf der Straße mischt sich alles und jeder mit jedem. Rassen und Schichten verschwimmen und verschwinden in der Trance des Tanzes.

Doch die Realität trifft die tanzende Masse plötzlich aufs Neue und ganz unvermindert. Blaulicht und Sirene bahnen sich ihren Weg ins Unterbewusstsein und erinnern uns wieder daran, wo wir uns auch befinden. Ein grün-weißer Pickup mit schwerbewaffneten Militärpolizisten auf der Ladefläche fährt langsam durch die wogende Menge.

Nach und nach bewegen sich die Tanzenden aus seinem Weg. Doch wagen sich andere gleich wieder vor und betanzen den Wagen. Die Gesichter der Soldaten sind müde, abgekämpft nach Jahrzehnten des Krieges. Fast automatisch feindselig sehen sie die Feiernden an, umklammern krampfhaft ihre Gewehre und starren unter ihren Helmen und aus ihren Uniformen hervor.

Frauen und Männer, beide unmilitärisch leichtbekleidet und sich rhythmisch bewegend, umzingeln den Wagen. Die Band wechselt den Takt und spielt eine beiden Seiten bekannte Cumbia.

Der Wagen ist nun vollständig von der Masse umschlossen und scheint sich ihr langsam wippend anzupassen. Die rhythmischen Angriffe der Tanzenden werden schneller, ohne dabei aggressiv zu wirken. Die Soldaten schauen ungläubig diesem zivilen Ungehorsam zu, der sie mehr und mehr umgibt.

Doch poco a poco lösen sich Krieg und  Gewalt aus ihren Gesichtern und von einem ganzen Land. Die Leute lachen und friedlich lassen sie den Wagen passieren. Ich sehe noch wie der hinterste Soldat lächelnd seinen Kopf zum Klang der Tambores bewegt. Der Stahlhelm wippt im Takt, ohne dabei seine sitzende Habachtstellung zu verlieren.

Kolumbien feiert seinen Frieden mit dem langen Krieg. Weniger Zinksärge kommen aus dem Dschungel zurück in die Städte und weniger versteckte Gräber werden in den Bergen für gefallene Guerilleros ausgehoben.

Langsam werden sich die Menschen bewusst, dass hier gerade ein Krieg zu Ende geht. Viele wollen es noch nicht glauben und trauen dem Frieden nicht. Zu oft wurde man um ihn betrogen. Doch das junge lächelnde Gesicht unter dem grünen Stahlhelm zeigt, dass er möglich ist und dass bald ganz Kolumbien die Cumbia sin la Guerra tanzen könnte.

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