Die Hashtag #Friedensbewegungen in Kolumbien

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„No parimos para la guerra“ (dt. „Wir gebären nicht für den Krieg“)   © Stephan Kroener

„La Generación de la Esperanza“, die Generation der Hoffnung nennen sie sich. Es scheint sich eine neue soziale Jugendbewegung, eine Friedensbewegung in Kolumbien zu entwickeln. Sie protestieren gegen den Krieg, der seit dem missglückten Plebiszit vor knapp zwei Wochen das Land erneut bedroht. In ganz Kolumbien formieren sich lokale Protestgruppen, die sich deutlich von den bisherigen abgrenzen.

Sie unterliegen nicht mehr den Regeln von Gut und Böse, Santos oder Uribe. Man versucht sich so gut es geht aus der als korrupt betrachteten Parteipolitik herauszuhalten, nur der Frieden zählt. Die Wahlenthaltung von gut 62% beim Plebiszit ist bezeichnend für die große Unzufriedenheit und Argwohn gegenüber der Politik und den althergebrachten Parteien. Man hörte viele Nicht-Wähler sagen, „die machen doch sowieso was sie wollen“, „alles nur Show“ oder „es gibt keine Demokratie in diesem Land, warum dann wählen“.

Wahlmanipulation und Politisierung

Doch jetzt scheint im Land eine Politisierung stattzufinden, die vielleicht auch ein Umdenken auslösen könnte. Santos nahm das gescheiterte Plebiszit an, es gab keine großflächigen bekannte Wahlmanipulation von Seiten der Regierung. Santos hält die demokratischen Spielregeln ein und akzeptiert auch ein „NO“.

Dass der Wahlkampfmanager des „NO“-Lagers zugab, die Wähler absichtlich getäuscht und manipuliert zu haben, soll hier nur am Rande erwähnt werden und zeigen, wie gewöhnlich die „Demokratie“ in Kolumbien funktioniert. Gegen dieses verkrustete Demokratieverständnis à la Uribe richtet sich die neue Friedensbewegung, auch wenn sie explizit die „NO“-Wähler nicht ausschließt und sich mit den Parolen nicht gegen den Expräsidenten wendet. Es soll ein nationaler Kompromiss und eine Aussöhnung zwischen den Lagern erreicht werden.

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Marcha por la Paz en Silencio © Stephan Kroener

Marcha por la Paz en Silencio

Sinnbild dafür ist das #CampamentoPorLaPaz (dt. Friedenscamp) auf der Plaza de Bolívar. Es wurde kurz nach dem eindrucksvollen Marcha por la Paz en Silencio (dt. Friedensmarsch in Stille) errichtet. Bei dieser Demonstration zogen bis zu 50.000 Menschen, viele in weißgekleidet, in wütender Stille über die Séptima vor den Kongress. Die gemeinsamen und tausendfach wiederhallenden Rufe nach Frieden und „Acuerdo Ya“ (dt. Abkommen jetzt), können nur mit denen der „Wir sind das Volk“ und „keine Gewalt“ der DDR-Bürger Ende der 80er Jahre verglichen werden (Nicht zu verwechseln mit denen der PEGIDA-Bewegung, die den Slogan in abgrenzender und rassistischer Weise verwendet).

Einige der Teilnehmer dieser Demonstration entschieden auf dem Hauptplatz Bogotás ein Lager aufzubauen, dass bis zum endgültigen Friedensschluss bestehen bleiben soll. Ein Zeltlager, dass von Stunde zu Stunde anzuwachsen scheint. Es werden wohl an die 50 Personen sein, doch zieht ihre Anwesenheit an so prominentem Ort viele weitere an. Immer wieder kann man dort die Begegnung von „NO“- und „SÍ“-Wählern erleben. Es wird heftig, aber friedlich diskutiert.

Kommunistin bis über den Tod hinaus

Bei einer dieser Diskussionen traf ich Elena Echeverry, Tänzerin, Wirtschaftsdozentin und Kommunistin bis ins Mark und „über den Tod hinaus“. Sie hat schon Anfang der 50er Jahre in Kolumbien für das Frauenwahlrecht demonstriert und ist stolz darauf, dass sie so lange leben durfte, um auch noch für den Frieden zu stimmen:

„Ich wurde 1929 geboren, ich öffnete die Augen und sah ein Land, in dem die Arbeiter auf den Straßen für ihre Rechte demonstrierten, in Barranca, in Ciénaga und sonst wo. Und seit 87 Jahren habe ich keine Demokratie und keinen Frieden erlebt. Seit etwas mehr als einem Monat (seit dem beidseitigen Waffenstillstand A.d.V.) sehe ich etwas neues, keine Morde, keine Toten mehr, ich fühle eine Freude und zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich, dass ich den Frieden erlebt habe. Und deswegen verteidige ich den Frieden.“

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„Ich bin jung, ich bin Frieden“ © Stephan Kroener

Die Hashtag-Bewegungen

Ana Sofía Suárez, Sprecherin des Friedenscamps erklärt in der Onlinezeitung Pacifista: „Das Camp stellt ein physisches Druckmittel dar, eine Zeitbombe. Wir sind eine Bewegung, die die Tage und Minuten zählt, die die politischen Verhandlungsführer haben, um nun endlich etwas zu tun.“

Neben dem Friedenscamp auf der Plaza de Bolívar sind viele weitere Bewegungen aktiv. Eine davon ist #PazALaCalle (dt. Frieden auf der Straße), dass sich im benachbarten Park Way angesiedelt hat. Weitere Vertreter sind die Bewegungen #AcuerdoYa und #ColombiaQuierePaz (dt. Kolumbien will Frieden). Alle vier arbeiten eng zusammen, wollen sich aber aus politischen Gründen dezentral organisieren, um damit auch die soziale Vielgestalt der Bewegung darzustellen.

Die Constituyente

Denn es handelt sich nicht um eine Studentenbewegung. Die Gruppen sind sehr homogen, genauso wie die Friedensbewegung selbst. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Wunsch nach Frieden. Wie dieser nach dem „NO“-Votum noch zu erreichen ist, darüber gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen. Eine Idee ist die Einberufung einer Constituyente, einer  verfassungsgebenden Versammlung, die das bereits unterzeichnete Friedensabkommen aufnimmt und ihm verfassungsrechtliche Kraft gibt.

Auf der letzten großen Demonstration, der Marcha de las Flores (dt. Marsch der Blumen), traf ich den Menschenrechtsanwalt Jorge Molano, der die Constituyente mit der Friedensbewegung verbindet: „Diese neue soziale Bewegung muss am Laufen gehalten werden, weil sie die „Constituyente Primaria“ (dt. verfassungsgebende Versammlung in Reinform) darstellt, die in den Straßen und auf den Plätzen ein „Acuerdo ya“ fordert und keine weitere Verzögerung durch das „NO“-Lager. Es ist eine soziale Forderung, nach Frieden.“

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Marcha de las Flores © Stephan Kroener

Guambianos, Wayúu und Muruis

Diese Forderung konnte man auf der Marcha de las Flores zu Tausenden hören. Ursprünglich war der Demonstrationszug zur Kritik an den Feierlichkeiten zum nationalen Gedenken an die „Entdeckung Amerikas“ am 12. Oktober gedacht. Doch durch die Ereignisse der letzten Woche zogen nicht nur 7.000 Indigene und rund 10.000 Campesinos den Hauptboulevard Bogotás, die Séptima hinauf, sondern auch Tausende Opfer des Konflikt und zehntausende Studenten. Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Menschen aus, die sich dem Protestzug anschlossen. Damit wäre es eine der größten Demonstrationen der vergangenen Jahre und möglicherweise in der Geschichte des Landes.

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Marcha de las Flores © Stephan Kroener

Sie sollte nach ihrem Namen den Frieden zum blühen bringen. Dazu wurden 102 indigene Gemeinschaften nach Bogotá geladen. In traditioneller Tracht zogen Mitglieder der Wayúu aus der Guajira im Norden des Landes, Guambianos aus dem Cauca und Muruis aus dem Amazonasbecken neben vielen weiteren über die Séptima. Die eingeübten Rufe „Guardia, guardia, fuerza, fuerza“ (dt. Wache, Wache, Stärke, Stärke) wurden von den Bogotanern mit „No están solos“ (dt. Ihr seid nicht allein) beantwortet.

„Es geht um Frieden“

Auch die LGBTI Bewegung schloss sich dem Marsch an. Paula Marquéz, Anwältin und LGBTI-Aktivistin, erklärte mir, wie sie die das Aufkommen der Friedensbewegung erlebt. „Diese Demonstrationen sind anders, weil es nicht um die Ungerechtigkeit gegen eine bestimmte Gruppe geht, es geht nicht um bessere Löhne oder Bildung oder gegen das schlechte Gesundheitssystem oder all die anderen Probleme, die uns in diesem Land ständig beschäftigen, sondern um Frieden.“

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LGBTI-Aktivistin und Indigener © Stephan Kroener

„Die Menschen haben eine Hoffnung, dass der Frieden wirklich Realität werden könnte, seit dem beidseitigen Waffenstillstand kann man vor allem auf dem Land die Früchte erkennen, die ein Frieden bringen kann. Der Unterschied ist spürbar, all der Enthusiasmus, das hat die Leute verändert, wir haben über 50 Jahre darauf gewartet und jetzt sind wir so nah dran, den Frieden zu erreichen, das wollen sich die Leute nicht nehmen lassen.“

„Nach dem gescheiterten Plebiszit befanden wir uns für Tage in einer nationalen Depression. Wir mussten was tun und die Studenten waren die ersten, die wieder aufstanden und ihnen folgte die gesamte soziale Bewegung, über die Indigenen, die Opferverbände bis zu der LGBTI-Community. Zusammen suchen wir nach einer Lösung.“

Das Zeitproblem

Ähnlich wie nach dem Mord an dem liberalen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán 1989, könnte diese Friedensbewegung die Wahl zu einer neuen verfassungsgebenden Versammlung fordern. Molano unterstreicht, „die Demonstrationen sind ein nötiger Mechanismus, damit die Gesellschaft ihren Unmut ausdrücken kann, über das was passiert ist („NO“-Votum beim Plebiszit A.d.V.) und damit sie ihre Forderung nach Frieden erneuern kann.“

Allerdings sieht Molano auch ein Zeitproblem, da Wahl und Einberufung dieser Versammlung Monate wenn nicht Jahre benötigen könnten. Deswegen mahnt er, „bis Oktober muss das geklärt sein, sonst ist das gesamte Abkommen in Gefahr.“

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Die First Lady © Stephan Kroener

First Lady und Timochenko

Die Guerilla sieht die Lage gezwungenermaßen gelassen. Der FARC-Kommandant Timochenko erklärte, dass „es fast schon gut war“, dass das Plebiszit gescheitert ist. So könne man Zweifel ausräumen und vielleicht auch die Nichtwähler für diesen historischen Schritt gewinnen. Auf der Plaza de Bolívar ließ sich währenddessen die Frau des Friedensnobelpreisträgers und First Lady Kolumbiens in einem Bad in der Menge feiern. Sie gab sich volksnah und siegessicher.

Der Frieden scheint durch das Aufkommen der Generación de Esperanza beziehungsweise der Friedensbewegung und die Bekundungen der Zivilgesellschaft wieder näher zu rücken. Auch wenn es vor allem in den sozialen Medien und in den Kommentarspalten meines Blogs immer noch stark nach Krieg schmeckt. Aus einer Antwort an einen Troll: „Nun ja, besser mit dem Friedensvirus immunisiert, als mit dem Kriegsgeschwür infiziert.“

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3 Gedanken zu “Die Hashtag #Friedensbewegungen in Kolumbien

  1. Ich sehe mich gar nicht genötigt, mich von Ihrem argumentum ad hominem provoziert zu fühlen.

    Sie sind es, der vorgibt aus „Zeitmangel“ einfache Fragen nicht beantworten zu können und unzulässig diese Verfassungsänderung auf die Frage „Krieg oder Frieden“ reduzieren will.

    Es ist nicht nur unakademisch sondern geradezu ignorant einen Vertrag zu befürworten, den man ausdrücklich nicht gelesen hat.

    Es stand der Zivilgesellschaft schon seit langem frei, gegen die Gewalt der FARC zu demonstrieren. Nun aber, wie die FARC verschiedene Gruppen finanziell massiv unterstützt, eine demokratische Entscheidung zu ignorieren, wird auf die Strasse gegangen.

    Sie haben Ihre Unkenntnis über die Verhältnisse des Landes schon genügend zur Schau gestellt.

    Ein weiterer Ausländer, der sich nicht für das Land und seine Geschichte interessiert, sondern unkritisch die Propaganda in Bogotás Studentenkreisen übernimmt und sich blenden lässt von den krassen sozialen Unterschieden.

    Stellen Sie sich vor: die meisten Kolumbianer waren mal 19. Es ist ein Privileg der Jugend, im Sturm und Drang sich Illusionen hinzugeben.

    Ich kenne viele, die heute völlig erschrocken sind, dass sie sich damals beinahe von der FARC hätten rekrutieren lassen.

    Auch die heutigen Studenten werden in ein paar Jahren anders denken.

    Der „Krieg“ wäre ja vorbei, würde die FARC einfach die Waffen weglegen.

    Gibt genug Aussteigerprogramme, die Uribe ins Leben gerufen hat. Vielleicht werden Sie Ihrem journalistischem Anspruch mal gerecht und reden mit Ex Guerilleros. Die werden Ihnen schon erklären, was Sache ist.

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