Kolumbiens Militärkult: Mentale Abrüstung im Friedensprozess

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Militärpolizist in Bogotá ©Stephan Kroener

Vor einiger Zeit traf ich jemanden, der eine Webseite mit Texten zu einem Kolumbien ohne Waffen betreibt. Er lud mich ein, einen Blogbeitrag für ihn zu schreiben. Seitdem beschäftigt mich die Idee. Wie kann man sich ein Land, noch dazu eins wie Kolumbien, ohne Waffen vorstellen.

Mit Uribe und seiner Politik der Seguridad Democrática begann für das Land eine enorme Militarisierung. Uribe wollte in jedem Dorf, egal wie klein es auch sei, eine Polizeistation oder einen Militärposten. Dass man diese Dörfer somit auch zu militärischen Anschlagszielen der Guerilla machte, spielte dabei keine Rolle.

Alle hundert Meter ein Soldat

Am besten sollte alle hundert Meter auf den Hauptverkehrsstraßen Kolumbiens ein Soldat stehen. Wenn man an diesen Schwerbewaffneten vorbeifuhr, wurde man von ihnen mit einem thumb up begrüßt. Die retenes brachten Sicherheit, man konnte wieder ohne Angst von Bogotá nach Medellín oder Santa Marta fahren. Der Konflikt wurde in die Regionen verlagert. Touristen sollten von ihm nichts mitbekommen und die urbane Bevölkerung sollte einen starken Staat erleben.

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Absperrung bei Demo der „SÍ“-Befürworter ©Stephan Kroener

Mit Hilfe des in Washington ausgearbeiteten und von Uribes Amtsvorgängers Pastrana verhandelten Plan Colombia wurde diese Militärmaschinerie finanziell angeheizt und am Laufen gehalten. Der Black-Hawk Kampfhubschrauber und die Sprühflugzeuge gegen den Kokaanbau wurden zum Symbol dieses Deals. Die Militärhilfe war auf dem Papier zur Drogenbekämpfung gedacht, weitete sich aber schnell gegen alle „Terroristen“ aus.

Die Batidas

Das Militär wurde aufgestockt und mobile Einheiten, so genannte batallones antinarcóticos, gegründet. Obwohl die gefürchteten batidas der Armee eigentlich verfassungswidrig sind, kann man sie auf Überlandstraßen, in Dörfern und kleineren Städten immer wieder live erleben. Dabei werden Jugendliche, die keine Militärkarte (libreta militar) vorweisen können, in die nächste Garnison mitgenommen. Dort wird überprüft, ob sie vom Militärdienst befreit wurden oder Wehrdienst verpflichtet sind.

Die libretas kann man sich über dunkle Kanäle erkaufen. Aber nicht jeder hat das Glück reiche Eltern zu haben. Auf die jungen Kerle, die in den batidas „gefangen“ wurden, wird Druck ausgeübt, bis sie eine „freiwillige“ Rekrutierungserklärung unterschreiben. Der Patriotismus wird in Kolumbien von der Windel an vorgeschrieben. Schon Vorschulkinder können die Nationalhymne auswendig und wissen wofür die Farben der kolumbianischen Flagge stehen. Gelb für den Reichtum an Bodenschätzen des Landes, Blau für den Himmel, die Flüsse und die Meere und rot für das Blut, dass die Märtyrer, die Helden des Unabhängigkeitskampfes vergossen haben.

Die Heroes de la patria

Eine Militärpropaganda spielt auf diese Heroes de la patria, (die Helden des Vaterlandes) an, wenn sie an Straßenrändern mit großflächigen Bildern von Soldaten mit dem Slogan wirbt:  Die Helden Kolumbiens gibt es wirklich. Diese Helden werden bei jeder Gelegenheit gefeiert und der Waffen- und Militärkult zelebriert. Wenn nun der Frieden kommt, was wird dann aus diesem Kult, aus dieser Kriegskultur?

 

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Soldat auf der Plaza de Bolívar in Bogotá           ©Stephan Kroener

Kolumbien besitzt prozentual nach den USA die größte Armee in Amerika. 500.000 bewaffnete Kräfte, wenn man die Polizisten, die oft nach ihren Waffen kaum von einfachen Soldaten zu unterscheiden sind, mit einberechnet. Diesen stehen einige Tausend modern ausgerüstete Guerilleros und Paramilitärs gegenüber, die gewollt oder ungewollt nichts anderes als Krieg kennen und gelernt haben.

Das Know-how der Söldner

Man weiß heute, dass viele private Sicherheitsfirmen auf diese Know-how zurückgreifen. Auch im Ausland werden Ex-Militärs in bewaffneten Konflikten wie Afghanistan und dem Irak eingesetzt. Söldnertruppen, die von ähnlichen Typen wie dem berüchtigten israelischen Paramilitärausbilder Yair Klein ausgebildet wurden, reisen um die Welt und bieten ihre Dienste in der Aufstandsbekämpfung an.

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©Stephan Kroener

Santos selbst hat dies auch schon als zukünftige Aufgabe der kolumbianischen Streitkräfte ins Gespräch gebracht. In der Ukraine sollen bereits einige Ausbilder arbeiten und die Koordinierung mit Nato und EU wird erprobt. Die Counterinsurgency-Strategien der Kolumbianer werden weltweit geschätzt. Immerhin wurden sie seit Jahrzehnten von den besten Lehrern in der School of the Americas ausgebildet. Dass diese Soldaten teilweise auch in Menschenrechtsverbrechen verwickelt sind, stört dabei wenig.

Mentale Abrüstung

Eine Verringerung des Militärs steht bisher nicht groß zur Debatte. Zu viele weitere Akteure kämpfen in Kolumbien um Einflusszonen und illegale Handelsrouten. Deswegen wird das Militär wohl weiterhin eine wichtige Größe in der kolumbianischen Gesellschaft darstellen und es wird schwer sein, den damit verknüpften Militärkult aufzulösen und die Kolumbianer auch mental auf den Frieden einzustellen.

Vielleicht kann die Erinnerungsarbeit dabei helfen, die im Friedensabkommen von Havanna vereinbarte Aufarbeitung der Verbrechen aller Seiten in dem Konflikt. Ein Land wie Kolumbien sich ohne seine militärischen „Helden“ vorzustellen, fällt mir schwer. Doch wäre es wünschenswert, wenn die Entwaffnung der Guerilla auch zu einer geistigen Entwaffnung der Militärkultur führen würde.

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