Kolumbiens ideologische Bauchschmerzen

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„Ich habe für das NO gestimmt und wenn das SÍ gewinnen sollte, werden wir Säuberungsbataillone aufstellen und sie alle wie Ratten vernichten“ ©Stephan Kroener

Kolumbien ist ein Land, das einen oft sprachlos zurücklässt. Die Kolumbianer haben sich also gegen das Friedensabkommen der Regierung Santos mit der FARC-Guerilla entschieden. Die Gründe dafür sind vielfältig, sie reichen vom Misstrauen gegen Guerilla und Santos bis zum völligen Unverständnis, über das was in dem 297-seitigen Vertragswerk zu lesen ist.

Kaum einer hat diesen verklausulierten Text, der einen 50-jährigen Konflikt beenden soll, gelesen. Ich auch nicht in seiner Gänze. Aber mit genügend (Sach-)Verstand kann man die Argumente des „NO“-Lagers leicht entzaubern. Erstmal gehen wir davon aus, dass sich aufgrund des vergeigten Plebiszits nichts am Vertragstext ändern wird, da er unterzeichnet und abgesegnet ist.

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Der Frente 15 des Bloque Sur wartet wie viele andere Guerilleros auf die Wiedereingliederung ins zivile Leben ©Stephan Kroener

Finanzielle Starthilfe

Ja, die Guerilleros werden eine finanzielle Starthilfe erhalten. Einmalig acht Millionen Pesos (ca. 2.400€) um sich ein neues Leben aufbauen zu können sowie ein monatliches Stipendium von 620.000 Pesos (ca. 185€) – das damit unter dem miserablen Mindestlohn liegt. Das Stipendium bekommen die Guerilleros nur, wenn sie auch wirklich eine Ausbildung oder ein Studium beginnen und nur auf zwei Jahre.

Wenn man sich vorstellt, dass diese Menschen in ihrem gesamten bisherigen Leben, seit sie mit 12, 13, 14 Jahren in die Reihen der Guerilla eingetreten sind, nichts anderes kennengelernt haben als den Krieg, kann man vielleicht verstehen, warum sie anfangs eine finanzielle Unterstützung zur Wiedereingliederung benötigen.

Diese Gelder sind gut angelegt und sie können vielleicht helfen eine verloren geglaubte Generation zu retten. Niemand, weder ein Soldat noch ein Guerillero, ist aus Lust am Töten in diesen Krieg gezogen. Die Verhältnisse in die sie hineingeboren wurden, haben sie dazu gezwungen. Ich habe mit vielen Guerilleros sprechen können, und alle versicherten mir, dass sie diesen Krieg gerne beenden würden und sich politisch beteiligen würden, wenn man sie denn lassen würde.

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Modische Accessoires für die Welt außerhalb des Camps   ©Stephan Kroener

Politischer Vertrauensvorschuss

Und da kommen wir zum zweiten großen Kritikpunkt der No-Wähler. Die FARC muss in die Politik, wenn wir sie nicht mehr im Krieg sehen wollen. Sie muss eine demokratische Kraft werden und ebenso wie die finanzielle Starthilfe, muss es auch einen politischen Vorschuss geben. Die 10 Sitze in Kongress und Senat, die den FARC im Friedensabkommen für zwei Legislaturperioden zugesichert wurden, kann man als einen solchen Vorschuss verstehen. Man muss ihnen die Möglichkeit geben sich politisch zu beteiligen, um ihr politisches Programm vorstellen zu können.

Die Entscheidung für einen solchen politischen Vertrauensvorschuss kann man historisch begründen. Noch während der Friedensverhandlungen der Regierung Betancur gründete sich die Unión Patriótica (UP), eine Partei die sich aus Sympathisanten der FARC und Engagierten zusammensetzte, die einen politischen Neuanfang für Kolumbien suchten.

Über Jahre wurden die Mitglieder dieser Partei von paramilitärischen Todesschwadronen, die mit korrupten Politikern und Militärs zusammenarbeiteten, hingemetzelt. Man spricht deshalb vom so genannten Politicido, für den Präsident Santos bereits die historische Verantwortung übernommen hat. Aufgrund dieser Verantwortung und um einen erneuten Politicido zu verhindern, wurden den FARC diese zehn Sitze zu gesprochen.

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Hoffentlich wird sie bald keine Waffen mehr reinigen müssen, sondern am zivilen Leben teilnehmen können ©Stephan Kroener

Ideologische Bauchschmerzen

Das mag vielen ideologische Bauchschmerzen verursachen und dieser Diskurswechsel vom Terrorist zum Parlamentarier mag auch schwer verdaulich sein, trotzdem ist es der einzige Weg. Denn kein Guerillero, nirgendwo auf der Welt und in keinem bekannten Friedensprozess, wird verhandeln um später ins Gefängnis zu gehen. Es ist kein Kniefall vor dem Terrorismus, es ist der Versuch eine offenere und partizipativere Demokratie zu schaffen.

Man kann die Probleme dieses Landes nur lösen, wenn man dem anderen zuhört und mit ihm diskutiert. Der Konflikt ist aus dem Nichtvorhandensein des Staates in den ländlichen Regionen entstanden und wenn der Staat die Kontrolle in diesen Gebieten (zurück-) haben will, muss er sich den Problemen der Menschen dort stellen.

 

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Ein Blick in eine ungewisse Zukunft ©Stephan Kroener

Ein letzter Funken Vertrauen

In dem Vertragswerk wird weder die Änderung des wirtschaftlichen Systems zu einem „Castro-Chavismus“ behandelt, noch die sexuelle Aufklärung von Grundschulkindern oder die Gleichstellung der LGBTI-Community. Ja, es ging bei dem Plebiszit vom Sonntag um die Frage ob die Kolumbianer mit dem Inhalt des Abkommens einverstanden sind und es ging nicht um die Frage nach Krieg oder Frieden.

Aber das „No“-Votum hat Kolumbien wieder einen Schritt weiter weg vom Frieden und hin zu einer erneuten Eskalation des Konfliktes gebracht. Es ist ein gefährlich schmaler Grat auf dem die Kolumbianer da wandeln. Wir können nur hoffen, dass Santos nicht doch noch hinschmeißt und dieses unverständliche Land sich selbst überlässt, und dass Guerillachef Timochenko seine Truppe unter Kontrolle behält und es nicht zu einer größeren Abspaltung von enttäuschten Guerilleros kommt, die mit dem gescheiterten Plebiszit ihren letzten Funken Vertrauen in diese Demokratie und dieses Land verloren haben könnten.

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2 Gedanken zu “Kolumbiens ideologische Bauchschmerzen

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