Frieden in einem unsinnigen Land

Ich habe noch nie so viele Menschen wegen einer politischen Wahl weinen sehen. Mein Gott, war es diesem Land denn nicht klar, dass Ein „NO“ zum Friedensvertrag ein „SÍ“ zum Krieg bedeuten kann. Mit Angst, Frust und Wut lese ich die Facebookkommentare, die für mich rhetorische Fress-und Kotzattacken zugleich sind. Irgendwo habe ich eine „No“-Wählerin gelesen, die meinte „Ich habe „No“ gewählt, aber ich dachte ja auch nicht, dass die gewinnen“.

Genauso heult mir mein Nachbar seitdem die Ohren voll, weil er doch noch nicht vom Militärdienst freigestellt wurde. Er hat nicht gewählt, weil ihm die Fahrt von Bogotá nach Casanare zu lang war und die „Wahl ja sowieso schon entschieden zu sein schien“. Dieses Land wird also vielleicht wieder in den Krieg ziehen, weil ihnen eine acht Stunden Busfahrt zu lang war?

Ein schlechtes Omen

Vor dem Wahllokal Ecke Septima mit Jiménez in Bogotá war der Letzte, der seine Stimme am Sonntag abgeben konnte, ein „No“-Wähler. Ein schlechtes Omen. Fünf Minuten später trommelte noch eine Frau aus Soacha an die Pforte des Palacio de San Francisco. An der Hand hielt sie einen kleinen Jungen, was wird sie ihm in zehn, fünfzehn Jahren sagen? „Du musst jetzt zum Militär, weil damals der Bus zu spät kam“.

Kolumbien hat international so deutlich verkackt, wie es nur die Brexit-Briten vorher getan haben. Aber klar, der Kolumbianer muss immer noch einen draufsetzen, der absolute Superlativ-Verkacker, die Engländer Südamerikas. Damit macht das Land wiedermal seinem schlechten Ruf auf der ganzen Welt alle Ehren. Die von Natur aus gewalttätigen Kolumbianer, die lieber Koka anbauen und Waffen kaufen als nach 50 Jahren mal umzudenken. Wie zur Hölle soll ich meinen Freunden in Europa jetzt noch erklären, dass das doch alles ganz anders ist, dass das ein so wundervolles Land sein kann, mit herzlichen und friedlichen Menschen.

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Nach vier Uhr vor dem Wahllokal im Palacio San Francisco ©Stephan Kroener

Wir Ausländer, die dieses verrückte Land lieben und uns hier versuchen etwas aufzubauen, haben noch am Samstagabend ein symbolisches Plebiszit in Bogotá abgehalten. Mit 99 „SÍ“- gegen 15 „NO“-Stimmen entschieden wir uns deutlich für den Friedensvertrag und wir müssen weder Militärdienst leisten noch in Soacha leben. Wir können jederzeit unsere Koffer packen und wieder zurück. Aber das wollen wir nicht, wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass ein Frieden in diesem unsinnigen Land möglich ist.

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2 Gedanken zu “Frieden in einem unsinnigen Land

  1. Sehr geehrter Herr Kroener,

    das hatte ich nun nicht mit Sprachwitz gemeint, als ich Sie zur freien Ausübung Ihrer blog Macht aufgefordert habe.

    Meinem Empfinden nach ist der Ausdruck „Verkackt“ doch zu derbe.

    Ich habe gerade das Interview in der SZ gelesen.

    Ein wenig tendenziös sind Sie vielleicht doch aufgetreten.

    Die Liste der Landreform liegt ja vor, obwohl der Vertrag nicht in Kraft getreten ist.

    Das hat mich übrigens besonders gestört, an einem früheren Artikel von Ihnen, als Sie unkritisch die Bedingungen der FARC übernommen haben, das Schicksal der Entführungsopfer erst nach dem Plebiszit offenzulegen.

    Nur zu Ihrer Information: Es gibt genauso eine Liste der Mitglieder der FARC, die sich vor einem Richter verantworten müssen.

    Besten Gruß

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    1. Lieber Herr alias Max Mustermann,
      es war mir einfach zu viel, als ich am Dienstag von dem Ende des cese gelesen habe. Da musste ich einfach mal Dampf ablassen, und dafür habe ich diesen Blog ja auch ein bisschen, um die Dinge, die um mich herum geschehen, zu verarbeiten. Der Blog genauso wie das Interview sind sicher tendenziös, das Land polarisiert sich und ich mich wohl auch. Bei der Frage nach Krieg oder Frieden kann es für mich nur eine Antwort geben. Die Wahrheit über das Geschehen und das Schicksal, sei es nun der Opfer von Entführungen, Terror oder der Falsos Positivos kann erst im Postkonflikt aufgearbeitet werden und noch sind wir nicht so weit. Haben Sie die Kommentare zu meinem Interview in der Facebook-Gruppe Alemanes en Colombia gelesen?

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