Die mediale Attacke der FARC-Guerilla zwingt Kolumbien zum Umdenken

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Joaquín Gómez (Mitglied der FARC-Führung) bei einer Pressekonferenz in der Savanne von Yarí © Stephan Kroener

Der Regen zwingt uns ins Pressezelt. Es ist stickig und schwül. Die weißen Plastikstühle sind trotz des Regens nur spärlich besetzt. Die meisten Journalisten sind wahrscheinlich gerade auf Interviewsuche. Viele nationale und internationale aber auch dutzende alternative Medien kommen hier unter einem Dach zusammen, um über die zehnte Gesamtkonferenz der FARC zu berichten. Der Kontakt der Journalisten untereinander ist gut, auch wenn jeder sich mehr um seinen Teil kümmert und die einzige Frage, die alle zu beschäftigen scheint, die der Internetverbindung ist.

Diese Gesamtkonferenz der FARC-Guerilla ist das momentane mediale Großereignis in Kolumbien. Täglich melden die nationalen Fernseh- und Radiosender sowie die großen Zeitungen des Landes über das was die Guerilleros in der abgelegenen Savanne von Yarí diskutieren. Abends und morgens gibt es jeweils eine kurze Pressekonferenz, auf der leider oft nichts Weltbewegendes verkündet werden kann. Sicherlich ist das für jemanden der täglich Nachrichten produzieren muss, auch wenn es nichts zu berichten gibt, frustrierend, trotzdem bleibt die Stimmung gut.

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Pablo Catatumbo (Mitglied der FARC-Führung) auf einer Pressekonferenz in der Savanne von Yarí ©Stephan Kroener

Man merkt, wie jeder hier weiß, dass man einem historischen Moment in der kolumbianischen Geschichte beiwohnt. Etwas abseits des Pressezelts befinden sich mehrere Guerillacamps, in denen sich die Journalisten frei bewegen können. Das Kennenlernen der Menschen die dort leben, die Jahre – wenn nicht ihr halbes Leben – im Dschungel und bei den FARC verbracht haben, ist atemberaubend. Mit ihnen zu reden, zu diskutieren und zu erleben, wie sie leben, ist faszinierend und hilft einem mehr und mehr ihre Realität und die Kolumbiens zu verstehen.

Allzu oft wurden sie in den kolumbianischen Medien als Terroristen, Verbrecher und Monster dargestellt. Und sicherlich haben viele von ihnen in diesem Krieg Gräueltaten begannen, haben entführt, Anschläge verübt und einen ihnen unbekannten „Feind“ getötet. Trotzdem lässt sich bei den persönlichen Gesprächen mit ihnen ihre menschliche Seite entdecken.

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Eine US-Journalistin im Gespräch mit einem Guerillero ©Stephan Kroener 

Die meisten kommen aus der Gegend, aus der Region Caquetá, und aus bäuerlichen Familien. Mit jungen Jahren, mit 12, 14 oder 17 entschieden sie sich für den bewaffneten Kampf, entschieden sie sich für ein Leben bei den FARC. Alle beteuern, dass ihnen vom Staat keine andere Möglichkeit geboten wurde, die Probleme ihrer Region zu lösen, viele beteuern Hunger gelitten zu haben und erst bei der Guerilla Lesen und Schreiben gelernt zu haben. Viele kennen nur das eine Departamento in dem sie aufgewachsen und gekämpft haben. Kaum einer kennt die Hauptstadt Bogotá oder die Großstädte des Staates gegen den sie kämpfen.

Dass ihr Camp nun gerade von Journalisten überrannt wird, die normalerweise den Newsfeed mit Nachrichten über wahre oder vermeintliche Terrorakte der Guerilla füllen, scheint sie nicht großartig zu verunsichern. Souverän geben sie ihre ersten Interviews und lassen sich zum ersten Mal freiwillig von einem Journalisten fotografieren. So werden ihr Verwandten und Freunde sie wohl auch zum ersten Mal in den Medien sehen, in Uniform der Guerilla und mit der umgehängten AK-47.

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Journalisten „stürmen“ auf den zentralen Versammlungsort der Konferenz                 ©Stephan Kroener

Es ist ein erster Schritt auf diese für sie neue Öffentlichkeit zu. Die Guerilla versucht damit ihr Bild zu verbessern und sich Kolumbien als das zu zeigen was sie sein will, eine Bauernarmee, die aus der Ungerechtigkeit und Ungleichheit heraus entstanden ist. Einfache Menschen, die keine andere Möglichkeit sahen, als zu den Waffen zu greifen. Ob das stimmt und ob die Pressevertreter diesem Diskurs Glauben schenken werden, bleibt abzuwarten.

Doch muss die Guerilla diesen Schritt tun, um von der Gesellschaft erneut als gleichberechtigter Teil akzeptiert und wieder in die staatliche Ordnung aufgenommen zu werden. Es ist ein mutiger Schritt und der Lauf der Geschichte wird zeigen, ob es ihnen gelingen wird, neues Vertrauen zu schaffen.

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Iván Márquez und Jesús Santrich Mtglieder der FARC-Führung mit Journalisten                ©Stephan Kroener 

Der Regen hat aufgehört und die dunklen Wolken ziehen weiter. Die Journalisten suchen sich neue Opfer für Interviews und Blitzlichtgewitter. Sobald das Internet wieder läuft, werden ihre Nachrichten um die Welt und durch Kolumbien gehen. Leute werden den Kopf schütteln über diese „neue“ Guerilla, die sich da so freundlich und gesittet präsentiert, doch das ist die vermeintliche Realität und sie ist mir lieber als die medialen Schlagzeilen über Massaker, Krieg und Terror.

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